Mit 15 Jahren beschied mir ein mir
wildfremder Junge, ich sei so hässlich, dass er sich bei meinem Anblick
übergeben müsse.
Mit 17 Jahren erklärte mir ein Lehrer, dass
ich von meinem Mitschüler:innen sicher weniger gemobbt werden würde, wenn ich
mich nur etwas extrovertierter kleiden würde.
Mit 18 Jahren saß ich mit zwei Freundinnen im
Unterricht und ich hörte, wie sich drei Mitschüler darüber unterhielten, mit
welcher von uns dreien sie schlafen würden, wenn sie es denn unbedingt müssten.
Alle drei Situationen haben etwas gemeinsam:
Jungs und Männer nahmen sich nicht nur das Recht heraus ungefragt meinen Körper
und mein Aussehen zu beurteilen, als wären sie Juroren bei einem
Schönheitswettbewerb, sie rechtfertigen damit auch ihr schlechtes Verhalten mir
gegenüber. Sie gingen auch ganz selbstverständlich davon aus, dass ich mit
ihnen schlafen würden, wenn sie sich dazu herablassen würden, es mir
anzubieten. Es war verletzend und demütigend und jahrelang hatte ich aufgrund
solcher Angriffe und Gemeinheiten das Gefühl, es auf eine absurde Art und Weise
verdient zu haben, wenn Menschen mich quälten und ausschlossen. Weil ich in dem
versagte, was für Mädchen und Frauen so unabdinglich zu sein scheint: Schön zu
sein.
Wenn ich an die fünfzehnjährige Dési denke,
dann sehe ich ein Kind vor mir. Ein Kind, das weite T – Shirts und Shorts trug,
mit BHs nichts anfangen konnte, nicht verstand, warum es jetzt plötzlich die
Beine oder die Achseln rasieren sollte, sich nicht schminkte und auch keinerlei
Interesse am anderen – und auch nicht am gleichen – Geschlecht entwickelte.
Klar sagte ich manchmal, dass ich in diesen oder in jenen Jungen verliebt war,
aber nur, weil man das halt so machte, nicht weil ich es ernsthaft fühlte. Ich
war ein Mädchen, während sich meine Mitschülerinnen bereits zu Frauen
entwickelten.
Diese Mitschülerinnen beneidete ich damals
glühend um ihre Schönheit, ihren eleganten Kleidungsstil und ihre Anmut, die
sie selbstbewusst zur Schau trugen, denn ich sah nur ihre Beliebtheit und die
Leichtigkeit mit denen sie durchs Leben zu gehen schienen. Wenn ich heute
zurückdenke, erinnere ich mich daran,
dass auch ihr Äußeres oft gegen sie verwendet wurde. Dass die Lehrer sich oft
über die jungen Frauen lustig machten, wenn die akademische Leistung ungenügend
war und Sprüche abließen, von wegen, vielleicht müssten sie halt weniger Zeit
mit Schminken verbringen und mehr lernen. Oder dass sie oft abfällig als Tussen
bezeichnet wurden. Ich erinnere mich daran, dass unsere Mitschüler sich offen
darüber unterhielten, welche von ihnen sie jetzt gerne knallen würden und wie
sie sie als Schlampen bezeichneten, wenn das Oberteil ihrer Meinung nach dann
doch zu knapp war, und ich frage mich, wie oft diese jungen Frauen wohl in
Lehrerbüros saßen, sich über die sexuelle Belästigung beklagten und zu hören
bekamen: „Ach, also, wenn Sie sich halt so kleiden…“
Die Selbstverständlichkeit mit denen Männer
unsere Körper kommentieren, definieren und werten, wie sich bereits sehr junge
Männer dazu berufen fühlen sehr junge Mädchen zu sexualisieren und sie zu
entmenschlichen, als hätten sie keine Mütter oder Schwestern oder Cousinen, ist
erschreckend und wie sehr unser Äußeres noch immer benutzt wird, um uns
kleinzuhalten, macht mich wütend.
Am heutigen Weltfrauentag wünsche ich mir
eine Welt, in der Mädchen selbst entscheiden können, ob und wann sie sich Beine
und Achseln rasieren möchten und sich nicht durch abfällige Bemerkungen dazu
gezwungen fühlen und in der sie nicht brutal vom Kindsein zum Frausein gezerrt
werden. Eine Welt, in der Mädchen von Jungs als Freundinnen und Kameradinnen
und Verbündete respektiert und geachtet und nicht zum Sexobjekt degradiert
werden. Eine Welt, in der Mädchen sich schminken und bauchfreie Tops anziehen
können, ohne zu fürchten, als Schlampe zu gelten. Eine Welt, in der Mädchen
sich selbst lieben lernen und ihre Weiblichkeit und Schönheit in ihrem eigenen
Tempo entfalten und entdecken können. Eine Welt, in der Mädchen ihr Spiegelbild
zu mögen und zu akzeptieren lernen und es nicht zu einem zu korrigierenden
und optimierenden Feindbild.
Ich wünsche mir eine Welt, in der Frauen nach
der Geburt ihrer Kinder gefragt werden, wie es ihnen geht und nicht, wie
schnell sie jetzt wieder abnehmen. Ich wünsche mir eine Welt, in der Frauen
ihre Meinung kundtun und sich politisch äußern können und anecken können, ohne
dass sie als hässlich beschimpft werden oder aber ihnen ihre Expertise
abgesprochen wird, weil sie Lippenstift aufgelegt haben. Ich wünsche mir eine
Welt, in der Frauen ihre Haare kurz schneiden können, ohne dass sie danach Kommentare
bekommen, wie hart sie das doch mache und sich nicht überlegen müssen, ob der
Rock jetzt zu kurz oder das Oberteil zu tief ausgeschnitten ist. Ich wünsche
mir eine Welt, in der blutjunge Frauen sich nicht dazu bedrängt fühlen, sich
bereits die Lippen aufzuspritzen oder die Nase zu verkleinern, weil ihnen
eingeredet wurde, sie seien sonst nicht schön genug. Ich wünsche mir eine Welt,
in der Frauen nicht ungefragt Kommentare zu ihrem Aussehen über sich ergehen
lassen und sich dann noch sagen lassen müssen, dass man ja wohl noch die
Wahrheit sagen dürfe.
Ich wünsche mir eine Welt, in der wir Frauen
unsere eigene Schönheit sehen dürfen .
Wir sind keine Leinwand, die von Männern
bemalt, benutzt und bewertet wird.
Wir sind unser eigenes Kunstwerk, das wir
selbst gestalten.
Und wir gehören nur uns selbst.