Sonntag, 8. März 2026

Schön genug

 

Mit 15 Jahren beschied mir ein mir wildfremder Junge, ich sei so hässlich, dass er sich bei meinem Anblick übergeben müsse.

Mit 17 Jahren erklärte mir ein Lehrer, dass ich von meinem Mitschüler:innen sicher weniger gemobbt werden würde, wenn ich mich nur etwas extrovertierter kleiden würde.

Mit 18 Jahren saß ich mit zwei Freundinnen im Unterricht und ich hörte, wie sich drei Mitschüler darüber unterhielten, mit welcher von uns dreien sie schlafen würden, wenn sie es denn unbedingt müssten.

Alle drei Situationen haben etwas gemeinsam: Jungs und Männer nahmen sich nicht nur das Recht heraus ungefragt meinen Körper und mein Aussehen zu beurteilen, als wären sie Juroren bei einem Schönheitswettbewerb, sie rechtfertigen damit auch ihr schlechtes Verhalten mir gegenüber. Sie gingen auch ganz selbstverständlich davon aus, dass ich mit ihnen schlafen würden, wenn sie sich dazu herablassen würden, es mir anzubieten. Es war verletzend und demütigend und jahrelang hatte ich aufgrund solcher Angriffe und Gemeinheiten das Gefühl, es auf eine absurde Art und Weise verdient zu haben, wenn Menschen mich quälten und ausschlossen. Weil ich in dem versagte, was für Mädchen und Frauen so unabdinglich zu sein scheint: Schön zu sein.

Wenn ich an die fünfzehnjährige Dési denke, dann sehe ich ein Kind vor mir. Ein Kind, das weite T – Shirts und Shorts trug, mit BHs nichts anfangen konnte, nicht verstand, warum es jetzt plötzlich die Beine oder die Achseln rasieren sollte, sich nicht schminkte und auch keinerlei Interesse am anderen – und auch nicht am gleichen – Geschlecht entwickelte. Klar sagte ich manchmal, dass ich in diesen oder in jenen Jungen verliebt war, aber nur, weil man das halt so machte, nicht weil ich es ernsthaft fühlte. Ich war ein Mädchen, während sich meine Mitschülerinnen bereits zu Frauen entwickelten.

Diese Mitschülerinnen beneidete ich damals glühend um ihre Schönheit, ihren eleganten Kleidungsstil und ihre Anmut, die sie selbstbewusst zur Schau trugen, denn ich sah nur ihre Beliebtheit und die Leichtigkeit mit denen sie durchs Leben zu gehen schienen. Wenn ich heute zurückdenke,  erinnere ich mich daran, dass auch ihr Äußeres oft gegen sie verwendet wurde. Dass die Lehrer sich oft über die jungen Frauen lustig machten, wenn die akademische Leistung ungenügend war und Sprüche abließen, von wegen, vielleicht müssten sie halt weniger Zeit mit Schminken verbringen und mehr lernen. Oder dass sie oft abfällig als Tussen bezeichnet wurden. Ich erinnere mich daran, dass unsere Mitschüler sich offen darüber unterhielten, welche von ihnen sie jetzt gerne knallen würden und wie sie sie als Schlampen bezeichneten, wenn das Oberteil ihrer Meinung nach dann doch zu knapp war, und ich frage mich, wie oft diese jungen Frauen wohl in Lehrerbüros saßen, sich über die sexuelle Belästigung beklagten und zu hören bekamen: „Ach, also, wenn Sie sich halt so kleiden…“

Die Selbstverständlichkeit mit denen Männer unsere Körper kommentieren, definieren und werten, wie sich bereits sehr junge Männer dazu berufen fühlen sehr junge Mädchen zu sexualisieren und sie zu entmenschlichen, als hätten sie keine Mütter oder Schwestern oder Cousinen, ist erschreckend und wie sehr unser Äußeres noch immer benutzt wird, um uns kleinzuhalten, macht mich wütend.

Am heutigen Weltfrauentag wünsche ich mir eine Welt, in der Mädchen selbst entscheiden können, ob und wann sie sich Beine und Achseln rasieren möchten und sich nicht durch abfällige Bemerkungen dazu gezwungen fühlen und in der sie nicht brutal vom Kindsein zum Frausein gezerrt werden. Eine Welt, in der Mädchen von Jungs als Freundinnen und Kameradinnen und Verbündete respektiert und geachtet und nicht zum Sexobjekt degradiert werden. Eine Welt, in der Mädchen sich schminken und bauchfreie Tops anziehen können, ohne zu fürchten, als Schlampe zu gelten. Eine Welt, in der Mädchen sich selbst lieben lernen und ihre Weiblichkeit und Schönheit in ihrem eigenen Tempo entfalten und entdecken können. Eine Welt, in der Mädchen ihr Spiegelbild zu mögen und zu akzeptieren lernen und es nicht zu einem zu korrigierenden und  optimierenden Feindbild.

Ich wünsche mir eine Welt, in der Frauen nach der Geburt ihrer Kinder gefragt werden, wie es ihnen geht und nicht, wie schnell sie jetzt wieder abnehmen. Ich wünsche mir eine Welt, in der Frauen ihre Meinung kundtun und sich politisch äußern können und anecken können, ohne dass sie als hässlich beschimpft werden oder aber ihnen ihre Expertise abgesprochen wird, weil sie Lippenstift aufgelegt haben. Ich wünsche mir eine Welt, in der Frauen ihre Haare kurz schneiden können, ohne dass sie danach Kommentare bekommen, wie hart sie das doch mache und sich nicht überlegen müssen, ob der Rock jetzt zu kurz oder das Oberteil zu tief ausgeschnitten ist. Ich wünsche mir eine Welt, in der blutjunge Frauen sich nicht dazu bedrängt fühlen, sich bereits die Lippen aufzuspritzen oder die Nase zu verkleinern, weil ihnen eingeredet wurde, sie seien sonst nicht schön genug. Ich wünsche mir eine Welt, in der Frauen nicht ungefragt Kommentare zu ihrem Aussehen über sich ergehen lassen und sich dann noch sagen lassen müssen, dass man ja wohl noch die Wahrheit sagen dürfe.

Ich wünsche mir eine Welt, in der wir Frauen unsere eigene Schönheit sehen dürfen .

Wir sind keine Leinwand, die von Männern bemalt, benutzt und bewertet wird.

Wir sind unser eigenes Kunstwerk, das wir selbst gestalten.

Und wir gehören nur uns selbst.

Schön genug

  Mit 15 Jahren beschied mir ein mir wildfremder Junge, ich sei so hässlich, dass er sich bei meinem Anblick übergeben müsse. Mit 17 Jahre...