Obwohl
es den Anschein hat, als hätten sich nicht nur die vereinten bürgerlichen
Parteien, FDP und SVP, sondern auch noch gleich die gesamte Wirtschaftselite
von Langenthal hinter dem bürgerlichen Kandidat Patrick Freudiger gestellt
(wahrscheinlich um das kollektive Trauma einer Stadt unter roter Fittiche zu
verarbeiten) und es rotgrün nicht gelungen ist, die GLP mit ins Boot zu holen, versteht
sich der Kandidat der Linken, Roland Loser, nicht als Underdog. Zwar trifft er Leute,
die ihm zu verstehen geben, dass sie ihm wenig, bis gar keine Chancen gegen
seinen Gegner einräumen, aber er erlebt auch die gegenteiligen Reaktionen,
Menschen, die ihm spontan auf der Strasse ihre Unterstützung versichern und
auch aktiv nach Wahlwerbung fragen, etwa nach Buttons und T – Shirts. Was ihn
besonders freut: Es sind viele junge Wählende dabei.
Roland
Loser verzichtete im Gegensatz zu Patrick Freudiger auf eine grosse Pressekonferenz,
um seine Kandidatur offiziell zu verkünden und setzte stattdessen auf ein
schlicht gehaltenes Social Media Video und die klassischen Pressemeldungen. Das
sieht er eher als praktischen Entscheid und weniger als bewusstes
Understatement, Interviews hält er für wesentlich gehaltvoller als «ein paar
salbungsvolle Worte bei einer Pressekonferenz» und ohnehin ist er niemand, der
den grossen Aufritt und das Brimborium sonderlich liebt.
Man kennt
Roland Loser als leidenschaftlichen und ausgelassenen Fasnächtler (der seinen
ersten Auftritt als Gemeinderat beim Fasnachtsfischen sichtlich genoss und dazu
nutzte, den damaligen Stapi Reto Müller Konfetti ins Gesicht zu schmeissen),
als regelmässigen Besucher des Wuhrplatzfests, als Feiernden beim Street Festival.
Dazu passt, dass er im Zentrum nur ein paar Schritte vom Trubel entfernt lebt –
und praktischerweise zwischendurch nachhause gehen kann, wenn es ihm dann doch
zu viel wird, wie er schmunzelnd bemerkt. Er ist gerne unter den Leuten,
beschreibt sich aber zugleich als jemand. der erst einmal abwartet, bevor er
auf andere zugeht. Ist das, im Kampf um den Stapi – Thron und auch bei einer
allfällig späteren Ausübung des Amtes, nicht ein Nachteil? Laut Roland Loser
nicht zwingend. Seit er sein Amt als Gemeinderat anfangs 2026 angetreten hat,
erlebt er, dass die Menschen ohne Scheu von selbst auf ihn zukommen, die
Kontaktaufnahme ist leichter geworden. Als Stapi würde sich dieser Effekt noch
kumulieren.
Aber
egal ob man jetzt introvertiert oder extrovertiert ist, schlussendlich ist ein
Wahlkampf, der fast ausschliesslich auf die eigene Person abgestützt ist, immer
kräftezehrend. Dass er als einzig verbliebener SP – Gemeinderat einer der
Wunschkanidat:innen seiner Partei ist, war klar. Roland Loser liess sich Zeit mit seiner
Entscheidung, zumal bereits die Kandidatur Auswirkungen auf sein Berufsleben
hat. Er ist Informatiker und Abteilungsleiter bei der Glue AG, möglich, dass
sich Kund:innen abgeschreckt fühlen, bei dem Gedanken, dass der zuständige
Projektleiter möglicherweise bald nicht mehr zur Verfügung steht.
Schlussendlich erklärte er sich dann aber bereit für die SP in den Ring zu
steigen. Die neue Herausforderung reizte ihn. «Und nach 30 Jahren im gleiche
Beruf am gleichen Ort ist es vielleicht doch mal Zeit für einen Wechsel – und
für mich vielleicht die letzte Chance, noch etwas anderes zu machen.»
Beständigkeit
zieht sich wie ein roter Faden durch Roland Losers Biografie. Er ist nicht nur
seinem Arbeitgeber überdurchschnittlich lange treu geblieben, er ist mindestens
ebenso lange Tambourmajor bei den «Flötenmadli» und hat Langenthal nie den
Rücken gekehrt. Seine Eltern zogen von der Ostschweiz nach Langenthal, damit der
Vater eine Stelle bei Guggelmann antreten konnte – der Niedergang des
Texilindustrie machte sie zu «Wirtschaftsflüchtlingen im eigenen Land», wie
Roland Loser bei seiner 1. Mai Rede erzählte. Und so wuchs er hier auf, ein eher
scheues Kind, das es aufgrund seiner raschen Auffassungsgabe aber den Übertritt
in die SEK und später ans Gymnasium schaffte. Im Studium war er «nicht der
grosse Überflieger», wie er selbstkritisch feststellt und die Arbeit an seiner
Masterarbeit war ein 2 Jahre lang andauernden Kampf. Aber er hat sich
festgebissen, durchgehalten und das Studium am Ende erfolgreich abgeschlossen.
Etwas
durchziehen, auch wenn es schmerzhaft und mühsam wird, mit Drucksituationen
umgehen, nicht aufgeben – Fähigkeiten, die sich Roland Loser wohl auch im
Leistungssport angeeignet hat. Er galt als Leichtathletiktalent und wurde
entsprechend gefördert. Der Sport gab ihm Bestätigung und stärkte das
Selbstbewusstsein des schüchternen Jugendlichen, doch er lernte auch früh die
Schattenseiten kennen. Die ständige Angst «nur» zweiter zu werden, das ständige
an die eigenen Grenzen gehen und noch darüber hinaus, der Druck, den körperlichen Anforderungen
gerecht zu werden – schlussendlich entschied er sich gegen die
Sportlerlaufbahn. Heute absolviert er sein Sportpensum am liebsten auf dem
Fahrrad, mit dem er weite Touren unternimmt und die Welt erkundet.
Sportzuschauer
ist er nach wie vor. Roland Loster ist unter anderem YB – Fan, eine
Leidenschaft, die er mit seinen Söhnen teilt. Er schwärmt von den Emotionen,
die ein Match auslösen kann, von der Energie, die sich freisetzt und von der
Verbundenheit, die entsteht. Auch Langenthal erlebte das – mit dem FCL, aber
auch mit dem SCL. Dessen erworbenen Meistertitel und die damit verbundenen
Feiern sind für ihn schöne Erinnerungen an eine Zeit, in der in Langenthal
alles möglich schien.
Dieses
Aufbruchsgefühl vermisst Roland Loser inzwischen in seiner Heimatstadt. Schlechte Stimmung habe sich breit gemacht und
das habe fatale Auswirkungen, so Loser. Als Stadtrat kämpfte er stets dafür,
trotz der angespannten finanziellen Lage, nicht alles kaputt zu sparen und
nicht nur den tiefen Steuersatz in den Mittelpunkt zu stellen. «Wir geben nicht
zu viel aus, wir nehmen zu wenig ein», wurde Losers Mantra, an dem er noch
immer festhält. Damals, nach dem unerwarteten Segen der Onyx Millionen, habe
man den Menschen etwas zurückgeben wollen, in Form von Steuersenkungen und so
sei man bewusst in ein Defizit gegangen – mit dem Resultat, dass der Eindruck
entstand, den Finanzen in Langenthal gehe es besonders schlecht, so Loser, das
habe eine Negativspirale ausgelöst, die jetzt alles mit sich reisst.
Es
ist diese negative Grundstimmung, die Roland Loser zu schaffen macht. Dass
beispielsweise die dringend notwendigen Kindergartensanierungen vom Volk
abgelehnt wurden, daran hat er immer noch zu knabbern, auch weil er sich dem
Gedanken nicht erwehren kann, dass die Ablehnung zum Teil aus Trotz zustande
kam. Kurz zuvor war der Traum eines neuen Eisstadions geplatzt, was viele
erzürnt und enttäuscht hat – vielleicht legten auch deshalb viele ein «Nein» in
die Urne, um ihren Protest deutlich zu machen. Die Solidarität untereinander
hat gelitten. «Wenn mein Herzensprojekt nicht umgesetzt wird, dann sollen die
anderen ihres auch nicht haben», fasst Roland Loser die Stimmung im Volk
zusammen. Diese Entwicklung beschäftigt ihn sichtlich.
Für
ihn als überzeugten Langenthaler hat es auch mit Stolz zu tun, den Anspruch zu
haben, zu investieren – beispielsweise in Bauten, die mehr sind als nur
seelenlose Kästen. Die letzte Generation habe den Willen gehabt, uns eine
schöne Stadt zu hinterlassen, so Loser und spricht vom Choufhüsi, vom
Stadttheater, dem Kreuzfeldareal – alles Orte, die noch heute eine Aura
verströmen und der Stadt ein einzigartiges Antlitz verleihen. Losers Horrorvorstellung
ist eine Stadt, in der sich die Jugend nur noch vor dem McDonalds trifft und
das Leben zum Erliegen gekommen ist.
Für
eine lebendige Stadt – dafür kämpfte Roland Loser auch zehn Jahre im Stadtrat.
Wenn er an seine Anfänge zurückdenkt, erinnert er sich vor allem an den Enthusiasmus,
den er damals verspürt hat. «Ich hatte schon den Anspruch die Welt zu
verändern», stellt er heute schmunzelnd fest. Doch wie so viele vor ihm, musste
er feststellen, dass auch ein beherztes Votum am Rednerpult die schon im Voraus
festgefahrenen Meinungen nicht aufzubrechen vermag.
Sein
Stadtratsmandat war es, das ihn in die SP trug. Ursprünglich kandidierte als
Parteiloser für die SP, dann rutschte er in den Stadtrat nach, trat
infolgedessen in die Partei ein und übernahm bald verschiedene Schlüsselämter.
Roland Loser war Fraktionspräsident, Co – Parteipräsident und Mitglied der GPK,
durchlebte mit der SP Triumphe aber auch Niederlagen. Das Politisieren als
SPler ist nicht immer einfach – in Langenthal ist man oft in einer
Minderheitenposition und im bürgerlichen Umfeld muss man sich, laut Loser, viel
erklären, und sei angreifbarer. Innerhalb der Partei verortet er sich eher beim
sozialliberalen Flügel («laut Smartvote bin ich aber ultralinks»), mit Blick
auf die blutigen Revolutionen der Vergangenheit, kann er wenig anfangen mit
Begriffen wie «Klassenkampf» und auch das nostalgische Festhalten der SP an
alten Gepflogenheiten, wie etwa die Bezeichnung «Genoss:innen» sieht er
skeptisch. Er steht für eine pragmatische und moderne SP, die sich mit
aktuellen Themen beschäftigt.
Über Roland Loser wird oft gesagt, er sei harmoniebedürftig. Bis zu einem bestimmten Grad stimme das, bestätigt er im Gespräch, ihm sei es oft ein instinktives Bedürfnis in einer Diskussion Verständnis für beide Seiten einzubringen – gerade dann, wenn er das Gefühl hat, die Sichtweise einer Partei käme zu kurz oder werde zu sehr abgeschmettert. Zugleich ist da eine andere, temperamentvolle Seite. Als beispielsweise im Stadtrat diskutiert wurde, ob in der Alten Mühle ein Familienzentrum entstehen soll und sich abzeichnete, dass das Geschäft zurückgewiesen wird, wurde er sehr deutlich und forderte die Bürgerlichen in seinem Votum auf, sie sollen doch einfach sagen, dass sie das Zentrum nicht wollen, das sei ehrlicher. Diese sehr unverblümte Art stiess manchen vor den Kopf. Dieser Ausbruch spiegelte Rolands Loser Unwillen wider, sich auf politische Spiele einzulassen, Taktieren liegt ihm nicht sonderlich, er mag es lieber, Dinge direkt anzusprechen und pragmatisch anzugehen.
Roland
Loser ist frisch gebackener Gemeinderat, Führungserfahrung hat er als Mitglied
der Geschäftsleitung bei der Glue schon reichlich gesammelt. Sein Führungsstil
beruht auf Vertrauen, er glaubt an die Fähigkeiten seiner Mitarbeitenden und
hält nicht viel davon, ihnen dauernd auf die Pelle zu rücken und über die
Schulter zu schauen. Vertrauen – das ist etwas, das er im Zusammenspiel der
Behörden in Langenthal aktuell vermisst, zugleich fehle es der Bevölkerung oft
an Vertrauen in die Politik. Als Stapi wäre das ein Ziel von ihm: Das Klima
verbessern und wieder Vertrauen untereinander schaffen.
Als
linker Stapi bewegt man sich in einem Spannungsfeld zwischen den Erwartungen
der eigenen Partei und den Spieleraum, der einem eine bürgerliche Stadt bietet.
Dass er keine utopischen linken Szenarien versprechen kann, ist Roland Loser
bewusst und er vermeidet es sorgfältig, allzu grosse Erwartungen zu wecken. Und
doch steckt ein Visionär in ihm, wenn er Langenthal schildert, wie es unter ihn
aussehen könnte: Ein schönes Langenthal, in der die Menschen zusammengebracht
werden, Sportclubs nicht an ihrer Infrastruktur verzweifeln und Kultur ihren
festen Platz hat.
Die
Sehnsucht nach einem lebendigen Langenthal, in dem alte Konflikte begraben werden
und neues entstehen kann – das scheint ein grosser Antrieb für Roland Loser zu
sein, der viele Gegensätze in sich vereint. Der Visionär, der die Beständigkeit
sucht, der Introvertierte, der sich dann doch wieder exponiert, der Ruhige, der
auch mal laut werden kann, wenn Ungerechtigkeit ihn fuchst, der Friedliebende,
der aus Freude an der Debatte dann aber
auch gerne in Gesprächsrunden eine kontroverse Meinung droppt (etwa, wenn er
sehr leidenschaftlich und präzise ausführt, wieso Züri West Lieder viel besser
als die honigtriefenden Songs von Patent Ochsner sind) und der auch sagt:
«Manchmal ist ein Kompromiss einfach schlecht und dann macht es für mich keinen
Sinn darauf einzugehen.»
Er
ist ein Kulturliebhaber und Sportmensch, der darunter leidet, dass es gerade
bei diesen Themen immer um Kosten geht und nicht um die positiven Aspekte, ein
Mensch, der sich auf dem glatten politischen Parkett nicht immer ganz so
wohlzufühlen scheint und sich vom Gemeinderat mehr Nahbarkeit wünscht und dafür
beispielsweise gemeinsame Essen in verschiedenen lokalen Restaurants vorschlägt
– einfache direkte Lösungen statt komplizierte Umwege. Sein Wahlsujet ist an
das berühmte Obama Plakat angelehnt, auch der Slogan «Langenthal kann mehr»,
erinnert an das berühmte «Yes, we can.» Gross träumen für und in Langenthal –
Rolands Motto für diesen Wahlkampf ist klar. Ob er diese Träume als Stapi in
die Tat umsetzen kann, entscheidet das Stimmvolk am 30. August.

