Mittwoch, 5. August 2026

Wer ist Roland Loser?

 




Obwohl es den Anschein hat, als hätten sich nicht nur die vereinten bürgerlichen Parteien, FDP und SVP, sondern auch noch gleich die gesamte Wirtschaftselite von Langenthal hinter dem bürgerlichen Kandidat Patrick Freudiger gestellt (wahrscheinlich um das kollektive Trauma einer Stadt unter roter Fittiche zu verarbeiten) und es rotgrün nicht gelungen ist, die GLP mit ins Boot zu holen, versteht sich der Kandidat der Linken, Roland Loser, nicht als Underdog. Zwar trifft er Leute, die ihm zu verstehen geben, dass sie ihm wenig, bis gar keine Chancen gegen seinen Gegner einräumen, aber er erlebt auch die gegenteiligen Reaktionen, Menschen, die ihm spontan auf der Strasse ihre Unterstützung versichern und auch aktiv nach Wahlwerbung fragen, etwa nach Buttons und T – Shirts. Was ihn besonders freut: Es sind viele junge Wählende dabei.

Roland Loser verzichtete im Gegensatz zu Patrick Freudiger auf eine grosse Pressekonferenz, um seine Kandidatur offiziell zu verkünden und setzte stattdessen auf ein schlicht gehaltenes Social Media Video und die klassischen Pressemeldungen. Das sieht er eher als praktischen Entscheid und weniger als bewusstes Understatement, Interviews hält er für wesentlich gehaltvoller als «ein paar salbungsvolle Worte bei einer Pressekonferenz» und ohnehin ist er niemand, der den grossen Aufritt und das Brimborium sonderlich liebt.

Man kennt Roland Loser als leidenschaftlichen und ausgelassenen Fasnächtler (der seinen ersten Auftritt als Gemeinderat beim Fasnachtsfischen sichtlich genoss und dazu nutzte, den damaligen Stapi Reto Müller Konfetti ins Gesicht zu schmeissen), als regelmässigen Besucher des Wuhrplatzfests, als Feiernden beim Street Festival. Dazu passt, dass er im Zentrum nur ein paar Schritte vom Trubel entfernt lebt – und praktischerweise zwischendurch nachhause gehen kann, wenn es ihm dann doch zu viel wird, wie er schmunzelnd bemerkt. Er ist gerne unter den Leuten, beschreibt sich aber zugleich als jemand. der erst einmal abwartet, bevor er auf andere zugeht. Ist das, im Kampf um den Stapi – Thron und auch bei einer allfällig späteren Ausübung des Amtes, nicht ein Nachteil? Laut Roland Loser nicht zwingend. Seit er sein Amt als Gemeinderat anfangs 2026 angetreten hat, erlebt er, dass die Menschen ohne Scheu von selbst auf ihn zukommen, die Kontaktaufnahme ist leichter geworden. Als Stapi würde sich dieser Effekt noch kumulieren.

Aber egal ob man jetzt introvertiert oder extrovertiert ist, schlussendlich ist ein Wahlkampf, der fast ausschliesslich auf die eigene Person abgestützt ist, immer kräftezehrend. Dass er als einzig verbliebener SP – Gemeinderat einer der Wunschkanidat:innen seiner Partei ist, war klar.  Roland Loser liess sich Zeit mit seiner Entscheidung, zumal bereits die Kandidatur Auswirkungen auf sein Berufsleben hat. Er ist Informatiker und Abteilungsleiter bei der Glue AG, möglich, dass sich Kund:innen abgeschreckt fühlen, bei dem Gedanken, dass der zuständige Projektleiter möglicherweise bald nicht mehr zur Verfügung steht. Schlussendlich erklärte er sich dann aber bereit für die SP in den Ring zu steigen. Die neue Herausforderung reizte ihn. «Und nach 30 Jahren im gleiche Beruf am gleichen Ort ist es vielleicht doch mal Zeit für einen Wechsel – und für mich vielleicht die letzte Chance, noch etwas anderes zu machen.»

Beständigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch Roland Losers Biografie. Er ist nicht nur seinem Arbeitgeber überdurchschnittlich lange treu geblieben, er ist mindestens ebenso lange Tambourmajor bei den «Flötenmadli» und hat Langenthal nie den Rücken gekehrt. Seine Eltern zogen von der Ostschweiz nach Langenthal, damit der Vater eine Stelle bei Guggelmann antreten konnte – der Niedergang des Texilindustrie machte sie zu «Wirtschaftsflüchtlingen im eigenen Land», wie Roland Loser bei seiner 1. Mai Rede erzählte. Und so wuchs er hier auf, ein eher scheues Kind, das es aufgrund seiner raschen Auffassungsgabe aber den Übertritt in die SEK und später ans Gymnasium schaffte. Im Studium war er «nicht der grosse Überflieger», wie er selbstkritisch feststellt und die Arbeit an seiner Masterarbeit war ein 2 Jahre lang andauernden Kampf. Aber er hat sich festgebissen, durchgehalten und das Studium am Ende erfolgreich abgeschlossen.

Etwas durchziehen, auch wenn es schmerzhaft und mühsam wird, mit Drucksituationen umgehen, nicht aufgeben – Fähigkeiten, die sich Roland Loser wohl auch im Leistungssport angeeignet hat. Er galt als Leichtathletiktalent und wurde entsprechend gefördert. Der Sport gab ihm Bestätigung und stärkte das Selbstbewusstsein des schüchternen Jugendlichen, doch er lernte auch früh die Schattenseiten kennen. Die ständige Angst «nur» zweiter zu werden, das ständige an die eigenen Grenzen gehen und noch darüber hinaus,  der Druck, den körperlichen Anforderungen gerecht zu werden – schlussendlich entschied er sich gegen die Sportlerlaufbahn. Heute absolviert er sein Sportpensum am liebsten auf dem Fahrrad, mit dem er weite Touren unternimmt und die Welt erkundet.

Sportzuschauer ist er nach wie vor. Roland Loster ist unter anderem YB – Fan, eine Leidenschaft, die er mit seinen Söhnen teilt. Er schwärmt von den Emotionen, die ein Match auslösen kann, von der Energie, die sich freisetzt und von der Verbundenheit, die entsteht. Auch Langenthal erlebte das – mit dem FCL, aber auch mit dem SCL. Dessen erworbenen Meistertitel und die damit verbundenen Feiern sind für ihn schöne Erinnerungen an eine Zeit, in der in Langenthal alles möglich schien.

Dieses Aufbruchsgefühl vermisst Roland Loser inzwischen in seiner Heimatstadt.  Schlechte Stimmung habe sich breit gemacht und das habe fatale Auswirkungen, so Loser. Als Stadtrat kämpfte er stets dafür, trotz der angespannten finanziellen Lage, nicht alles kaputt zu sparen und nicht nur den tiefen Steuersatz in den Mittelpunkt zu stellen. «Wir geben nicht zu viel aus, wir nehmen zu wenig ein», wurde Losers Mantra, an dem er noch immer festhält. Damals, nach dem unerwarteten Segen der Onyx Millionen, habe man den Menschen etwas zurückgeben wollen, in Form von Steuersenkungen und so sei man bewusst in ein Defizit gegangen – mit dem Resultat, dass der Eindruck entstand, den Finanzen in Langenthal gehe es besonders schlecht, so Loser, das habe eine Negativspirale ausgelöst, die jetzt alles mit sich reisst.

Es ist diese negative Grundstimmung, die Roland Loser zu schaffen macht. Dass beispielsweise die dringend notwendigen Kindergartensanierungen vom Volk abgelehnt wurden, daran hat er immer noch zu knabbern, auch weil er sich dem Gedanken nicht erwehren kann, dass die Ablehnung zum Teil aus Trotz zustande kam. Kurz zuvor war der Traum eines neuen Eisstadions geplatzt, was viele erzürnt und enttäuscht hat – vielleicht legten auch deshalb viele ein «Nein» in die Urne, um ihren Protest deutlich zu machen. Die Solidarität untereinander hat gelitten. «Wenn mein Herzensprojekt nicht umgesetzt wird, dann sollen die anderen ihres auch nicht haben», fasst Roland Loser die Stimmung im Volk zusammen. Diese Entwicklung beschäftigt ihn sichtlich.

Für ihn als überzeugten Langenthaler hat es auch mit Stolz zu tun, den Anspruch zu haben, zu investieren – beispielsweise in Bauten, die mehr sind als nur seelenlose Kästen. Die letzte Generation habe den Willen gehabt, uns eine schöne Stadt zu hinterlassen, so Loser und spricht vom Choufhüsi, vom Stadttheater, dem Kreuzfeldareal – alles Orte, die noch heute eine Aura verströmen und der Stadt ein einzigartiges Antlitz verleihen. Losers Horrorvorstellung ist eine Stadt, in der sich die Jugend nur noch vor dem McDonalds trifft und das Leben zum Erliegen gekommen ist.

Für eine lebendige Stadt – dafür kämpfte Roland Loser auch zehn Jahre im Stadtrat. Wenn er an seine Anfänge zurückdenkt, erinnert er sich vor allem an den Enthusiasmus, den er damals verspürt hat. «Ich hatte schon den Anspruch die Welt zu verändern», stellt er heute schmunzelnd fest. Doch wie so viele vor ihm, musste er feststellen, dass auch ein beherztes Votum am Rednerpult die schon im Voraus festgefahrenen Meinungen nicht aufzubrechen vermag.

Sein Stadtratsmandat war es, das ihn in die SP trug. Ursprünglich kandidierte als Parteiloser für die SP, dann rutschte er in den Stadtrat nach, trat infolgedessen in die Partei ein und übernahm bald verschiedene Schlüsselämter. Roland Loser war Fraktionspräsident, Co – Parteipräsident und Mitglied der GPK, durchlebte mit der SP Triumphe aber auch Niederlagen. Das Politisieren als SPler ist nicht immer einfach – in Langenthal ist man oft in einer Minderheitenposition und im bürgerlichen Umfeld muss man sich, laut Loser, viel erklären, und sei angreifbarer. Innerhalb der Partei verortet er sich eher beim sozialliberalen Flügel («laut Smartvote bin ich aber ultralinks»), mit Blick auf die blutigen Revolutionen der Vergangenheit, kann er wenig anfangen mit Begriffen wie «Klassenkampf» und auch das nostalgische Festhalten der SP an alten Gepflogenheiten, wie etwa die Bezeichnung «Genoss:innen» sieht er skeptisch. Er steht für eine pragmatische und moderne SP, die sich mit aktuellen Themen beschäftigt.

Über Roland Loser wird oft gesagt, er sei harmoniebedürftig. Bis zu einem bestimmten Grad stimme das, bestätigt er im Gespräch, ihm sei es oft ein instinktives Bedürfnis in einer Diskussion Verständnis für beide Seiten einzubringen – gerade dann, wenn er das Gefühl hat, die Sichtweise einer Partei käme zu kurz oder werde zu sehr abgeschmettert. Zugleich ist da eine andere, temperamentvolle Seite. Als beispielsweise im Stadtrat diskutiert wurde, ob in der Alten Mühle ein Familienzentrum entstehen soll und sich abzeichnete, dass das Geschäft zurückgewiesen wird, wurde er sehr deutlich und forderte die Bürgerlichen in seinem Votum auf, sie sollen doch einfach sagen, dass sie das Zentrum nicht wollen, das sei ehrlicher. Diese sehr unverblümte Art stiess manchen vor den Kopf. Dieser Ausbruch spiegelte Rolands Loser Unwillen wider, sich auf politische Spiele einzulassen, Taktieren liegt ihm nicht sonderlich, er mag es lieber, Dinge direkt anzusprechen und pragmatisch anzugehen. 

Roland Loser ist frisch gebackener Gemeinderat, Führungserfahrung hat er als Mitglied der Geschäftsleitung bei der Glue schon reichlich gesammelt. Sein Führungsstil beruht auf Vertrauen, er glaubt an die Fähigkeiten seiner Mitarbeitenden und hält nicht viel davon, ihnen dauernd auf die Pelle zu rücken und über die Schulter zu schauen. Vertrauen – das ist etwas, das er im Zusammenspiel der Behörden in Langenthal aktuell vermisst, zugleich fehle es der Bevölkerung oft an Vertrauen in die Politik. Als Stapi wäre das ein Ziel von ihm: Das Klima verbessern und wieder Vertrauen untereinander schaffen.

Als linker Stapi bewegt man sich in einem Spannungsfeld zwischen den Erwartungen der eigenen Partei und den Spieleraum, der einem eine bürgerliche Stadt bietet. Dass er keine utopischen linken Szenarien versprechen kann, ist Roland Loser bewusst und er vermeidet es sorgfältig, allzu grosse Erwartungen zu wecken. Und doch steckt ein Visionär in ihm, wenn er Langenthal schildert, wie es unter ihn aussehen könnte: Ein schönes Langenthal, in der die Menschen zusammengebracht werden, Sportclubs nicht an ihrer Infrastruktur verzweifeln und Kultur ihren festen Platz hat.

Die Sehnsucht nach einem lebendigen Langenthal, in dem alte Konflikte begraben werden und neues entstehen kann – das scheint ein grosser Antrieb für Roland Loser zu sein, der viele Gegensätze in sich vereint. Der Visionär, der die Beständigkeit sucht, der Introvertierte, der sich dann doch wieder exponiert, der Ruhige, der auch mal laut werden kann, wenn Ungerechtigkeit ihn fuchst, der Friedliebende, der aus Freude an der Debatte  dann aber auch gerne in Gesprächsrunden eine kontroverse Meinung droppt (etwa, wenn er sehr leidenschaftlich und präzise ausführt, wieso Züri West Lieder viel besser als die honigtriefenden Songs von Patent Ochsner sind) und der auch sagt: «Manchmal ist ein Kompromiss einfach schlecht und dann macht es für mich keinen Sinn darauf einzugehen.»

Er ist ein Kulturliebhaber und Sportmensch, der darunter leidet, dass es gerade bei diesen Themen immer um Kosten geht und nicht um die positiven Aspekte, ein Mensch, der sich auf dem glatten politischen Parkett nicht immer ganz so wohlzufühlen scheint und sich vom Gemeinderat mehr Nahbarkeit wünscht und dafür beispielsweise gemeinsame Essen in verschiedenen lokalen Restaurants vorschlägt – einfache direkte Lösungen statt komplizierte Umwege. Sein Wahlsujet ist an das berühmte Obama Plakat angelehnt, auch der Slogan «Langenthal kann mehr», erinnert an das berühmte «Yes, we can.» Gross träumen für und in Langenthal – Rolands Motto für diesen Wahlkampf ist klar. Ob er diese Träume als Stapi in die Tat umsetzen kann, entscheidet das Stimmvolk am 30. August.

Donnerstag, 2. Juli 2026

Langenthals Next Topstapi


Die Vorgeschichte

Wer lesen kann ist klar im Vorteil, heisst es so schön und tja, was soll ich sagen: Ich kann es offenbar nicht, was als Buchhändlerin ein bisschen beschämend ist, aber eigentlich war es auch eher ein Zahlenproblem, und mit denen hatte ich ja schon immer noch mehr Probleme als mit Männern (und das will was heissen). Auf jeden Fall habe ich die Einladung zu dem von Avenir 49 ausgerichteten Stadtpräsidentenwahlpodium (dieses Wort würde bei Scrabble viele Punkte einbringen) falsch gelesen und meinen armen Herrn Vater schon um halb sechs in die Kunsthalle aufs Porzigelände geschleppt, wo wir uns darüber wunderten, dass niemand da war, ausser eine Bekannte, die anfing mit über Kunst zu reden und mich fragte, ob ich über die Ausstellung schreiben wollte, was mich komplett verwirrte, weil, ohne den beiden jetzt zu nahe treten zu wollen, ich würde jetzt weder Patrick Freudiger noch Roland Loser als Kunstwerke betiteln (aber wenn, wären es natürlich klassische Meisterwerke) und naja, am Ende stellte sich heraus: Wir waren eineinhalb Stunden zu früh dran. Als Entschuldigung für meinen Aussetzer, gabs dann Glace für meinen Vater und ich glaube, er fand den Deal gar nicht so schlecht.

Der Vorteil war jedenfalls: Wir waren früh genug dran, um uns gute Plätze zu sichern, weil als dann der richtige Zeitpunkt da war, füllte sich die Kunsthalle ziemlich schnell. Aber es geht ja auch um etwas Wichtiges, nicht wahr, es geht um die Zukunft unserer schönen Stadt, darum, wer uns zukünftig rumkommandieren…äh, ich meine, wer uns zukünftig huldvoll regieren darf, um die Krone von Langenthal. Wer wird nächster Stapi? Roland Loser, Kandidat der Rotstrümpfe (aka die SP) oder doch Patrick Freudiger, Kandidat der Blaulinge (aka die SVP und die FDP)?

Diese Frage stellte auch Sonja Hasler, die Moderatorin des Abends, wobei sie die beiden Namen ausrief, als wären wir tatsächlich bei einer Kunstauktion und verkündete, da ja so viele Leute da seien, könnten wir auch gleich wählen – eine Aussicht, die Kandidat Patrick Freudiger etwas nervös machte, während Roland Loser gelassen meinte, er sei sich Auftritte vor grossem Publikum gewöhnt, schliesslich er Tambourmajor der Gugge «Flötemadli» - und was ist schon so ein popliges Podium, wenn man letzte Fasnacht noch in schwarzen Ringelstrumpfhosen das anspruchsvolle Publikum im Bären unterhalten hat?

Prinzessin Rollifee und König Freudiger

Bevor es aber so richtig zur Sache ging und die Fäuste…äh, ich meine, die Worte flogen, stellte Hasler erst einmal ein paar spielerische Fragen etwa, ob sie, wenn sie es sich aussuchen könnten, lieber sympathischer oder intelligenter wären (Roland Loser wählte intelligenter, während Patrick Freudiger sich mit einem eleganten «manchmal ist es intelligenter sympathisch zu sein» aus der Affäre zog) oder, ob sie, wenn sie sich eine Hauptrolle aussuchen könnten diese lieber in Dirty Dancing oder James Bond spielen würden (Freudiger sieht sich eher als James Bond, Roland Loser wäre gerne Patrick Swayze – ich persönlich hätte ja gerne gesehen, wie die beiden Kandidaten die berühmte Hebefigur nachspielen. Ich sah es geistig schon vor mir, wie Roland Loser Patrick Freudiger in die Luft schwingt und dieser die Arme ausbreitet und «ich bin der König der Welt» ruft…wobei, das ist ein anderer Film) und über welche Talente sie verfügen, die ihnen im Stapi – Amt helfen könnten (Roland Loser erklärte, er könne gut Sprechpausen machen und die Leute damit verwirren, während Patrick Freudiger offenbar gut zeichnen kann und findet, dann könne er ja auch schönfärben, wenn was nicht so toll läuft).

Einen Hauch politischer war die Frage, was die beiden tun würden, wenn sie einen Tag in Langenthal alles bestimmen könnten. Patrick Freudiger erklärte sich feierlich zum Demokrat und versicherte, er würde die Verfassung sofort wieder in Kraft setzen und abdanken, aber seine Krone veräussern und von dem Erlös ein Stadion finanzieren (er könnte sie auch einfach mir geben, mir würde die sicher hervorragend stehen). Roland Loser dagegen wünschte sich keine Krone, sondern einen Feenstab, den er schwingen könnte, damit sich die Stimmung in Langenthal bessert – Prinzessin Rollifee sozusagen.

Nach dem munteren Einstieg wurde es schliesslich ernst und seriös (endlich – ihr wisst, wie sehr es mir widerstrebt zu lachen). Da der Abend von Avenir 49 organisiert wurde (Avenir 49 ist ein parteiübergreifender Verein, der unter anderem als Schnittstelle und Dialogförderer zwischen Politik und Wirtschaft) waren es auch deren Mitglieder (allesamt aus dem bürgerlichen Spektrum – die linken Mitglieder dieses parteiübergreifenden Bundes hatten wohl leider keine Zeit), die den Kandidaten Fragen zu den verschiedenen Handlungsfeldern stellte.

Werbendes Gewerbe

So brachte Michel Giesser das Thema Marktgasse auf. Wie viel Verkehrsberuhigung braucht es denn nun im Zentrum? Roland Loser zeigte sich hierbei von seiner grünen Seite, indem er sich klar für 20er und 30er Zonen aussprach. Der Transitverkehr soll aussen durch gelenkt werden, auch weil er bezweifelt, dass sich jemand spontan beim Durchfahren für den Kauf einer Brille beim Hunziker entscheidet, schon gar nicht, wenn er oder im rasanten Tempo durchfährt und die Werbereklamen gar nicht sehen kann. Zudem sorgte er sich um die zukünftige Verkehrszunahme. «Wir müssen mehr Leute aufs Velo bringen», so Loser, der selbst passionierter Velofahrer ist (ich würde ja jetzt schreiben, dass ich nicht mit dem Fahrrad durch die Marktgasse brettern will, weil mein Hintern schon bei der Vorstellung wehtut, aber um ehrlich zu sein, fahre ich einfach generell kein Velo – ich nehme das Einhorn. Oder den Hexenbesen). Patrick Freudiger will den Autoverkehr nicht abschaffen und möchte den Verkehr nicht gegeneinander ausspielen (als würden wir in Langenthal irgendwas gegeneinander ausspielen, also bitte…).

Auf Giessers Frage, mit welchen Massnahmen die Stadt dem Gewerbe in Langenthal helfen könnte, wusste Patrick Freudiger einiges zu sagen: Mehr Reklamebeschriftungen ermöglichen, weil diese in Langenthal sehr streng geregelt werde – hier gelte es, die richtige Balance zu finden zwischen Denkmalschutz und den Interessen der Gewerbler:innen. Als er zudem ansprach, dass es helfen würde, wenn nicht bei jedem Mieterwechsel eines Geschäfts, ein Baugesuch eingereicht werden müsse, bekam er sogar Szenenapplaus vom Publikum.

Beim Thema Gesundheitswesen in Langenthal (vertreten von Haslibrunnen Geschäftsführer Hansjörg Lüthi) verwiesen beide Kandidierenden darauf, dass der Handlungsspielraum der Stadt begrenzt sei, weil in diesem Bereich vieles kantonal oder national geregelt sei. Um die Alterszentren und das SRO für Arbeitnehmer:innen attraktiver zu machen (wir wissen, im Gesundheitsbereich fehlt Fachpersonal), schlägt Roland Loser die Schaffung von internen Kitaplätzen vor, während Patrick Freudiger den Punkt der engen Vernetzung hervorhebt. Anders als in grossen Städten sind in Langenthal die verschiedenen Akteure auf engem Raum zu finden und eine Zusammenarbeit deutlich leichter – von der Haslipraxis kann man beispielsweise problemlos rüber zum SRO für weitere Untersuchungen (und wenn gar nichts mehr hilft, ist der Friedhof ja gleich um die Ecke…okay, war der sehr böse? Zu böse? Entschuldigt, es ist spät.)

 

Warten auf Visionen. Oder Baugesuche.

Bis zu dem Zeitpunkt waren die beiden Kandidaten sich vielleicht nicht in allem einig, aber doch irgendwie harmonisch unterwegs, aber dann *dramatischer Trommelwirbel* kam Jon Baumann auf die Bühne und er brachte Feuer und Blut (ähm, entschuldigt, ich lese gerade die Buchvorlage zu «House oft the Dragons», evtl. beeinflusst mich das ein bisschen), ich meine, er brachte das neue/alte Kulturkonzept auf den Tisch, das ja in den letzten Tagen für einige Furore gesorgt hat, weil grosse Teile der Kulturkommission sich davon schneller distanziert haben, als wir uns voneinander während Corona. «Hat Langenthal denn so gar keine Vision für die Kultur?», so Baumann provokante Frage.

Roland Loser wusch seine Hände in Unschuld, indem er verlauten liess, bei der Erarbeitung des Konzepts sei er noch nicht im Gemeinderat gewesen und verwies auf die bürgerliche Mehrheiten. Es fehle bei den Bürgerlichen an Leuten, die bereit sind, sich für Kultur einzusetzen, konstatierte Loser, was bei Patrick Freudiger nicht so gut ankam. Es sei nicht sehr konstruktiv in das alte Links – Rechts – Schema zu verfallen, so Freudiger, und betonte, so ein Konzept sei keine Bestellliste, die es abzuarbeiten gilt und dann sei alles erledigt, vielmehr gelte es, als Stadt gute Bedingungen zu ermöglichen, damit Kultur florieren könne – etwa, indem man Spielraum in Sachen Lärmschutz ausreize.

Spielraum ausnutzen scheint ohnehin so eine Art Lieblingssport von Patrick Freudiger zu sein, denn das möchte er auch beim Thema «Das ewige Warten auf Baugesuche». Auf die Klagen von Christian Meier, man warte nirgendwo so lange auf die Bewilligung von Baugesuchen wie in Langenthal («doch, in Nordkorea, wandte Sonja Hasler an dieser Stelle ein), erwiderte Freudiger, man müsse sich in diesem Bereich auch erlauben Fehler zu machen und sich getrauen, Fachbehörden auch einmal zu widersprechen – das gehe aber nur, wenn man die Verwaltung gleichzeitig schütze, also als Chef auch hinstehe, wenn es schiefläuft. Und dafür sei er bereit (denn der Chef ist ja dann er). Roland Loser sieht Potential in der Digitalisierung, strich aber hervor, für ihn dürfe Qualität nicht auf Kosten von Tempo gehen.

Bauen würde man in Langenthal auch gerne ein Stadion – oder zumindest würde man gerne mal das Alte sanieren, vom Bauen redet man schon gar nicht mehr.  Marcel Born erkundigte sich bei den beiden Kandidierenden, wie sie denn zum Stadion stehen, was beide dazu veranlasste, auf die Knie zu fallen und zu versichern, dass ihre ewige Treue dem SCL und der Eishalle gilt und sie es mit ihrem Leben und Tod schützen würden…okay, nein, das ist natürlich nicht passiert (vielleicht sollte ich aufhören dieses Buch zu lesen). Aber Roland Loser outete sich zumindest als SCL Fan (er war auch Gründungsmitglied der damaligen Operation Eissport, die ja das Ziel hatte, eine neue Eishalle zu ermöglichen), schob aber hinterher, dass für ihn eine Sanierung nicht auf Kosten anderer gehen dürfe, der finanzielle Rahmen also eingehalten werden müsse. Patrick Freudiger sieht im jetzt anlaufenden Projekt (der Vorkredit wurde vor kurzem vom Stadtrat genehmigt) die letzte Chance, dass die Sanierung noch über die Bühne (bzw. über das Eis) zu bringen, zeigt sich aber optimistisch, dass das gelingt. Optimismus ist immer gut.

Saniertes Oberaargau

Und Optimismus braucht Langenthal auch, denn inzwischen ist hier einiges sanierungsbedürftig, nicht nur die Eishalle, sondern auch das Verhältnis zwischen Gemeinderat und Stadtrat und vor allem auch diverse Schulhäuser, die teilweise so aussehen, als stünden sie kurz vor einer Bewerbung für die Verfilmung des Lieds «Das alte Haus von Rocky Docky». Hier fanden sich die beiden Kandidierenden auch wieder in grosser Harmonie und Freundschaft (okay, das ist ein bisschen übertrieben, ich möchte aber nicht immer: da waren sie sich einig schreiben, das ist langweilig), denn beide sind der Meinung, dass da dringender Handlungsbedarf besteht. Für Patrick Freudiger ist die Schulinfrastruktur noch prioritärer zu behandeln als die Sportinfrastruktur, Roland Loser findet es gar beschämend, wie die Kindergärten aussehen.

Und so halb zerfallene Kindergärten sind ja auch ganz schlecht für die Standortattraktivität (bitte, bewundert meine Überleitung). Wie wir diese steigern können, wollte Silvia Jäger, Geschäftsführerin Region Oberaargau wissen, worauf Roland Loser antwortete, es brauche eben mehr als tiefe Steuern – eben zum Beispiel eine Bildungsinfrastruktur, die ihren Namen auch verdiene. Patrick Freudiger sieht das Potential eher in Arealentwicklungen – etwa der Alten Mühle. Das könnten Visitenkarten für die Stadt sein, so Freudiger, der allerdings auch einen angenehmen Nebeneffekt in der Tatsache sieht, dass der Oberaargau gerne mal vergessen geht: Die Immobilienpreise sind tiefer als anderswo. Es hat eben auch seine Vorteile, wenn niemand bei dir leben will.

«Was ich Sie noch fragen wollte…»

Nachdem die «grossen» Themen quasi abgearbeitet waren, folgte der Schwank ins Publikum und ganz untypischerweise folgten relativ viele Fragen (wir kennen doch alle diesen leicht peinlichen Moment, wenn ein Vortrag zu Ende ist und die Moderation tapfer die Fragerunde eröffnet und alles was man hört ist das Zirpen von Grillen, weil alle gedanklich schon auf dem Nachhauseweg oder beim Apéro sind und dann muss irgendjemand pflichtschuldig eine total banale Frage stellen, damit man die Runde irgendwie auflösen kann).

So schlug jemand den beiden Jobsharing vor, was beide ziemlich hastig ausschlossen (wobei Roland Loser scherzhaft erzählte, ihm sei bereits vorgeschlagen worden, er solle sich den Job mit Stefanie Barben (Gemeinderätin FDP), weil so auch der Anspruch der Frauen abgedeckt sei, aber diese wolle nicht) und ob sich das Vollzeitamt als Stapi mit ihren Jobs und ihren Familien vereinbaren liesse. Beide müssten ihren Job zwangsläufig aufgeben, weil du neben dem Stapiamt sowieso keinen anderen Beruf ausüben darfst, der Geld abwirft. Was die Familie betrifft, so stellte Patrick Freudiger klar, dass seine Familienzeit ihm heilig sei und diese nicht verhandelbar ist, während Roland Loser darauf verweist, dass seine Kinder «plusminus» erwachsen seien (ich liebe diese Formulierung – so eine klassische Elternformulierung à la. Ja, du bist alterstechnisch erwachsen, aber wir wissen beide, wen du anrufst, wenn die Kacke am Dampfen ist).

Weil an diesem Abend öfters das belastete Verhältnis zwischen den Behörden angesprochen wurde, erkundigte sich eine anwesende Stadträtin, was den die beiden zu tun gedenken, dieses zu bessern. Roland Loser sieht den Schlüssel darin, wieder mehr miteinander zu reden, anstatt sich gegenseitig Briefe zu schreiben (ohhh, ich finde ja ganz süss, sich Briefe zu schreiben. Handschriftlich und mit parfümierten Umschlägen hoffe ich), Patrick Freudiger sieht eine Schwierigkeit darin, dass das Parlament erst relativ spät in die Prozesse eingebunden wird, das fördere Opposition.

Zum Abschluss sollten die beiden Kandidaten noch sagen, was sie jeweils am anderen am besten finden, und wir erfuhren, dass Roland Patrick gerne zuhört, weil das schon immer auch unterhaltsam sei, während Patrick Rolands berufliche Expertise als IT – Experte schätzt (Loser ist Informatiker) – und wenn diese Expertise fehlt, können IT – Projekte schon mal schiefgehen und teuer werden (liebe Grüsse an die Stadt Bern). Pragmatischer Abschluss eines pragmatischen Podiums, würde ich sagen.

Das Ende naht. Also, das Ende des Blogs. Ihr wisst schon.

Was haben wir über die beiden Herren gelernt, die den Stapi – Thron erklimmen möchten? Von Patrick Freudiger wissen wir jetzt, dass er gerne liest, nämlich Machiavelli (was man halt zur Entspannung so liest, nicht wahr), dass er kein Instrument spielen kann und das er für einen Fussballmatch auch gerne mal früher aufstehet. Von Roland Loser wissen wir, dass er Sophie Hunger verehrt, gerne mehr Bäume und mehr Wasser in der Stadt braucht und das sein Lieblingsfach Mathematik war, die Schule aber generell nicht mit so viel Begeisterung besucht hat. Und: Beide kommen Langenthal günstig, sollte jemand sie mal entführen, sie sind nämlich beide der Ansicht, als Lösegeld reiche in ihrem Fall zwei Kästen Bier. Vielleicht lässt der Entführer sie aber auch freiwillig wieder gehen, nachdem Patrick Freudiger ihn ausführlich über die Spielräume, die so eine Entführung biete, belehrt und Roland Loser ihn mit Sophie Hunger Liedern gequält hat.

Langenthal hat die Wahl zwischen zwei unterschiedlichen Persönlichkeiten und Politikern, die aus den beiden Polparteien kommen – es wird also wohl auch darauf aufmerksam, wer schwankende Mitte – Wählende von sich überzeugen kann und wer das eigene Klientel genügend stark mobilisieren kann. Das Rennen ist offen, wir wissen nur eines: Nur einer kann Langenthals Next Topstapi werden!

Montag, 29. Juni 2026

Das andere Stadtratsprotokoll – die ich – hasse – Sommer – Edition: Der (Fast) Liveblog zur Stadtratssitzung vom 29.06.26

 

Das Vorspiel

 

·        Hallo und herzlich willkommen zum heissesten Liveblog der Langenthaler Stadtratssitzung. Es bloggt für Sie ein schweissnasses Lama, das bereits keinen Bock mehr auf Sommer hat – ich hasse den Sommer. Ich bin eine Stark aus Winterfell, ich habe es gern KALT und EISIG (mit kuscheligen Wölfen) und ich verstehe nicht, wie manche Menschen solche Temperaturen ernsthaft als angenehm empfinden können, was seid ihr, Brathähnchen? Und ich habe den Sommer schon gehasst, als er nicht standardmässig 36 Grad war, ich ziehe aus, ich gehe an den Südpol, da ist es bestimmt nett. Bei den Pinguinen? Hat es da Pinguine? Oder Eisbären? Die könnten mich fressen, das wäre mir auch ganz recht, es ist sicher cool in so einem Eisbärmagen, haha.

·        Das Gesicht von Stapi – Kandidat und Gemeinderat Roland Loser ist überproportional präsent im Ratssaal, weil die SP/GL Fraktion allesamt in einem Fanshirt mit dem edlen Konterfei des Königsanwärter aufgetaucht sind. Ausser Georg Cap, der wohl das Memo nicht bekommen hat. Oder einfach keine Gesichter auf der Brust tragen mag.

·        Gerhard Käser (SP) tritt aus der GPK und dem Stadtratsbüro zurück, weil er jetzt Grossrat ist und wichtigeres zu tun hat….nein, Spass, weil er schon genug um die Ohren hat, schliesslich ist der Mann ja auch noch Schulleiter. Für die GPK wird Päivi Lehmann (SP) gewählt, während im Stadtratsbüro neu Dan Weber (SP) Sitz nimmt. Viel Spass, Ruhm und Ehre in euren neuen Ämtern, ich bin sicher, ihr werdet ganz viel Freude daran haben – mindestens ebenso viel, wie ich am Herbst habe (Herbst *schluchz* bitte komm bald, ich halte das nicht aus.

 

Teil 1: Hurra, wir haben Geld! Irgendwie.

 

·        Gute Nachrichten: Wir haben einen Überschuss in der Jahresrechnung von 3.25 Mio. Ein ausgesprochen erfreuliches Ergebnis, wie Gemeinderat und Finanzminister Patrick Freudiger (SVP) frohlockt. Zwar gibt es auch negative Abweichungen zum Budget (sogenannte Mindererträge), manche von denen werden sich aber aufs nächste Jahr korrigieren, wie beispielsweise die Kehrichtgebühr, die sich ja erhöht (hurra). Mehrerträge gab es bei den Steuern (danke an alle, die so fleissig Steuern zahlen, ich zahle natürlich auch, allerdings ist mein Vermögen so bescheiden, dass Langenthal damit wahrscheinlich nicht so weit kommt – wahrscheinlich kann sich Langenthal davon höchstens einen halben Fussgängerstreifen leisten oder so) und dann gab es auch Aufwände, die gesunken sind, wie beispielsweise der Personalaufwand. Das ist aber eigentlich gar nicht so toll, denn das kommt einfach daher, dass manche Stellen noch immer nicht besetzt sind und die Leute die nicht da sind, kann man ja auch nicht bezahlen (bewundert bitte meine kühle Logik im Angesicht dieser sengenden Hitze.

·        2025 gab es auch mehr Steuern von juristischen Personen (also keine menschlichen Personen, sondern Pinguine. Nein, Witz, das sind Steuern von Firmen und Unternehmungen). Wir hatten also ein gutes Steuerjahr. Aber, warnt Patrick Freudiger, das ist ein Einmaleffekt und bedeutet keineswegs, dass die nächsten Steuerjahren ebenso einträglich sind, weshalb der Gemeinderat auch nicht von seiner vorsichtigen Finanzstrategie abweichen wird. Spielverderber. Lass uns doch einmal die Illusion von Reichtum.

·        Das grosse Sorgenkind sind aber die Investitionen. Davon werden zu wenige umgesetzt, wie Freudiger ausführt, die ohnehin tiefe Realisierungsquote ist noch einmal gesunken. Das ist dann wiederum eine negative Folge des eher geringen Personalbestands, denn Leute, die nicht da sind, muss man zwar nicht zahlen, aber Leute, die nicht da sind, können ja auch nicht arbeiten. Schrödingers Personal quasi. Zu den Investitionen, die nicht getätigt werden konnten, gehören beispielsweise auch die Kindergärten, die ja bekanntlich vom Volk abgelehnt und infolgedessen auch nicht gebaut wurden.

·        Also, ich hoffe, ich habe jetzt alles Wesentliche zusammengefasst, weil ehrlich gesagt ist Patrick Freudiger dermassen durch die Jahresrechnung gerast, dass mein halb geschmolzenes Hirn den Inhalt nicht mehr zur Gänze erfassen konnte. Ich würde jetzt mal vorsichtig sagen: Die Rechnung ist positiv, aber vor allem dank Sondereffekten und die hat man nicht jedes Jahr (sonst wären es ja normale Effekte), deshalb können wir das Geld jetzt leider nicht mit vollen Händen ausgeben. Wird also nichts mit dem Pinguinpark, den ich mir gedanklich schon ausgemalt habe *seufz». Ach ja: Und die Mehreinnahmen fliessen direkt in die Spezialfinanzierung NEW, die vom Gemeinderat ins Leben gerufen wurde, um dringend nötige Investitionen zu tätigen.

·        Die Bürgerlichen zeigen sich angenehm überrascht von dem guten Ergebnis (der FDP/Jll/Liste49 wurde gar «ganz warm ums Herz», auch wenn das laut Sprecher Pascal Dietrich (Liste49) bei diesen Temperaturen ja nicht mehr gesund sei. Freude an den Zahlen hat auch die GLP/EVP Fraktion, wobei Sprecher Mike Sigrist betont, dass man eben nicht immer alles voraussehen könne. Kritischer ist die SP/GL Fraktion, der insbesondere der zu tiefe Personalbestand zu denken gibt. «Ohne Personal können die Kindergärten trotz NEW nicht gebaut werden», so Fraktionssprecher Linus Rothacher (SP) und schiebt gleich das bereits bekannte Mantra der SP/GL Fraktion nach, dass man eben nicht nur an diesem tiefen Steuersatz hängen bleiben dürfe – auch wenn die Rechnung jetzt aufgegangen ist. Trotzdem unterstützt auch die linke Ratsseite die Jahresrechnung und diese wird genehmigt.

 

Teil 2: Moderne Modernisierungen

 

·        Der gute alte Jahresbericht soll modernisiert wird – das Ding hat fast den Umfang einer Bibel und den Spannungsbogen eines Telefonbuchs und das alles soll jetzt kürzer und dynamischer werden und leichter zu verstehen, wie Michael Schär, Vize – Stapi erklärt und führt gleich vor, wie das aussehen soll, indem er eine KI – Grafik einblendet. Weniger Text, mehr Bildchen. Mögen wir. Wobei nein, ich mag Text eigentlich lieber (mehr lesen, weniger Tiktok!), aber ich verstehe, dass es visuell ansprechender ist, noch ein paar Bilder einzufügen. Mein Vorschlag wäre ja: Katzenbilder. Wir könnten beispielsweise die Gemeinderät:innen mit Katzenbildern darstellen, ich schwöre, dann würden viel mehr Leute den Bericht lesen. Oder ich schreibe ihn. Ich kann sogar reimen! Mir ist so heiss, dass ist ein Scheiss, aber wenn Stadträt:innen reden, lässt das mein Herz erbeben und auch wenn meine Körperteile zerfliessen, kann ich es hier trotzdem geniessen…

·        Tja und jetzt kommen wir zum – Achtung, schlechter Wortwitz – explosivsten Thema des Abends: Langenthals Weg zur Energiewende – der Gasausstieg (hier dramatische Game of Thrones Musik einblenden). Warum der nötig wird, erzählt Ressortvorsteher und Gemeinderat Michael Schär, gleich am Anfang der Beratung: Der Kanton hat Klimaschutzziele formuliert und diese beinhalten auch den Gasausstieg. Der Gemeinderat und die IB Langenthal AG (nachfolgend IBL genannt) haben sich zusammengesetzt und gemeinsam eine Strategie überlegt, wie dieser Ausstieg bis ins Jahr 2040 gelingen soll. Der Gasabsatz ist bereits in den letzten Jahren gesunken, zum einen wegen der neuen Energierichtlinien des Kantons, aber natürlich auch wegen dem Angriffskrieg den Russland gegen die Ukraine führt.

·        Mit der Unterstützung externer Fachexpert:innen hat die IBL drei Szenarien skizziert: Die vollständige Stilllegung bis 2040, die teilweise Stilllegung ab 2040 und die erneuerbare Gasversorgung, also die Umstellung auf erneuerbares Gas. Letzteres wäre aber eine sehr teure Umstellung und die Frage ist auch, ob es überhaupt genügend erneuerbares Gas gibt, so Michael Schär.  Und so hat man sich schliesslich für die teilweise Stilllegung ab 2040 entschieden (aus irgendeinem Grund tippe ich immer 2024 – offenbar will ich unbewusst eine Zeitreise in die Vergangenheit machen, oder meine Finger sind zu nervös). Das soll vor allem gelingen mit Wärmeverbünden, die teilweise bereits erfolgreich im Betrieb sind, wie beispielsweise im Hard. Eine Standardlösung sind sie aber nicht, wie Michael Schär mahnt, Wärmeverbunde funktionieren vor allem für dicht besiedelte Gebiete.

·        Diesen Entscheid zur Gasnetzzukunft hat der Gemeinderat relativ früh und ohne Einbezug des Stadtrats getroffen – und wir wissen ja, der Stadtrat LIEBT es, wenn er erst am Ende eines Entscheids einbezogen wird, da steht er so richtig drauf - das sei aber, so Michael Schär, nötig gewesen, weil aktuell noch kein Gefäss existiert, um den Stadtrat unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu informieren. Denn die Medien sind überall! Im Glaspalast. Hinter Büschen. Unter Teppichen. Und ich erst, ich habe meine Ohren überall, darum sind sie so lang (ich habe keine Ahnung, was für einen Blödsinn ich gerade erzähle – mir ist einfach heiss, entschuldigt.) Der Prozess dieser teilweisen Stilllegung soll übrigens bis 2045 vollzogen sein, also innerhalb von 5 Jahren.

 

·        Die GPK, in Person von Pascal Dietrich, kritisiert die Kommunikation des Gemeinderats, der den Gasausstieg bereits verkündet hat. Aber der Gesetzgeber dieser Stadt ist schliesslich das Königinnenlama… Okay, nein, das ist natürlich der Stadtrat. Und deshalb hätte der Gemeinderat, laut der GPK, einen Weg finden müssen, den Stadtrat vorher entscheiden zu lassen und das Vorgehen darauf zu bauen. Und nicht andersrum (ich wusste, dass sie das nicht mögen würden. Der Stadtrat ist sehr sensibel, wenn es um seine Kompetenzen geht, man muss da ganz behutsam mit ihnen umgehen).

 

Teil 3: Spass mit Gas

·        Die SVP-Fraktion steht dem Geschäft kritisch gegenüber und möchte den Gasausstieg auf 2045 hinauszögern (also eigentlich auf 2050), die GLP hat bereits nach der Ankündigung des Gemeinderates öffentlich Kritik geübt und ist noch immer der Meinung, dass die Allgemeinheit keine einzelnen Heizungen finanzieren soll, wie Fraktionssprecher Fabian Fankhauser (GLP), der Gasausstieg erfolge zu spät, was er der bürgerlichen Mehrheit im Gemeinderat anlastet (und dem Verwaltungsrat der IBL, dem man, laut Fankhauser, nicht anlasten könne, besonders «linkslastig» zu sein) und schlussendlich habe man jetzt einfach noch ein bisschen länger «Gasspass» herausgeholt.  Die linke Ratsseite findet weniger harsche Worte, sondern zeigt sich durchaus positiv.

·        Pascal Dietrich hatte Kontakt mit Bürger:innen, die den Gasausstieg, gelinde ausgedrückt, nicht gerade feiern (die berühmten besorgten Bürger:innen), verzichtet aber in Anbetracht der Hitze auf den genauen Wortlaut der Zitate, weil er die Atmosphäre nicht noch mehr aufheizen will. Dietrich kritisiert noch einmal den Prozess,  den Zeitpunkt von 2040 findet er falsch, weil die kantonalen Richtlinien schreiben eigentlich erst 2050 vor und auch die Lebensdauer einer Gasheizung schätzt er nach Gesprächen mit entsprechenden Expert:innen höher ein, als die vom Gemeinderat und der IBL propagierten 15 Jahre. Man dürfe diejenigen Eigentümer:innen, die in den letzten Jahren noch eine Gasheizung installiert haben, nicht einfach abhängen – ausser, man entschädige sie dafür.

·        Robert Haas (SVP) redet vom «Grünen Strom» und ich verstehe «Hühnerstrom» und denke ernsthaft darüber nach, ob Hühner mit dem Legen von Eiern Energie produzieren können – ich glaube, es ist ganz gut, dass ich mich auf die Berichterstattung konzentriere und nicht selber Politik mache, ich glaube, ich wäre unfreiwillig sehr komisch, weil ich immer alles falsch verstehen würde. Naja, Haas findet Energiestrategien jedenfalls generell doof, weil es ihn zu sehr an Planwirtschaft erinnert und die habe ja bekanntlich noch nie funktioniert.

·        Sein Parteikollege Daniel Huber erklärt danach, dass er an die Evolution und das Universum glaube, aber irgendwie nicht so ganz an die Energiewende (jedenfalls habe ich das so verstanden, es war ein sehr langer Vortrag und irgendwas sagt mir, dass er Lehrer ist. Ich muss das noch nachschlagen, aber ich glaube, er ist Lehrer), jedenfalls nicht in dem angestrebten Tempo, das zu schnell sei. Ähm ja. Lasse ich jetzt mal so stehen.

·        Angestachelt von Fabian Fankhauser (ihre Worte, nicht meine) hält Corinna Grossenbacher (SVP) ein flammendes Votum, in dem sie sich darüber empört, dass man vor nicht allzu langer Zeit Gas noch als saubere Energie gefeiert hat und es deshalb unfair sei, jetzt die Leute dazu zu zwingen, umzusteigen. Fabian Fankhauser kontert, es wundere ihn, dass Grossenbacher jetzt dafür plädiere, die Stadt müsse die Freiheit der Menschen, Gas als Energiequelle nutzen zu können, schützen, normalerweise sei ihre Partei ja eher für weniger Staat und überhaupt, habe er schon manche Gasheizung selber installiert – mit seinen eigenen Händen - es sei eben tatsächlich so, dass die nach 15 Jahren abgeschrieben wird und nicht, wie jetzt die Bürgerlichen behaupten, einfach 20 Jahre laufen würden.

·        Michael Schär (FDP) nimmt in seiner Stellungnahme die mehrfach angeschossene IBL in Schutz (unter anderem fiel der Begriff Parteigutachten), die Verantwortlichen hätten bewiesen, dass sie keine Politik machen und auch keine Gefälligkeiten erweisen, ausserdem erklärt auch er, dass die Laufzeit von gasbetriebenen Heizungen, 15 Jahre beträgt – die 20 - 25 Jahre, die herumschwirren, beruhten auf älteren Modellen und nicht auf denen, die jetzt im Gebrauch sind (er hat noch einige technische Details erklärt, aber die reden alle so schnell, ich komme da nicht mehr so ganz mit, um ehrlich zu sein, heute bräuchte ich echt eine Rückspultaste.)

·        Nachdem jetzt alle irgendwie ihre generelle Meinung zum Thema Gasausstieg, Planwirtschaft und Wärmeverbünde kundgetan haben, wird jetzt der bereits erwähnte Änderungsantrag der SVP Fraktion gestellt, die den Gasausstieg fünf Jahre nach hinten schieben will. Weil, grundsätzlich, so Fraktionssprecher Jan Herzig, müsse man nicht früher mit Gas aufhören als vom Kanton gefordert, das sei unnötig und überhaupt kennen er und seine Fraktionskolleg:innen genügend Leute, deren Gasheizungen tadellos seit über 20 Jahren funktionieren. Ernsthaft, langsam haben wir es verstanden, ihr seid euch nicht einig mit der Laufzeit, ist doch mal gut jetzt. Pascal Dietrich beantragt inzwischen eine zweite Lesung. Irgendwie. Irgendwie aber auch nicht, weil er davon ausgeht, dass er keine Mehrheit dafür findet, aber er würde sich freuen, wenn er doch noch eine findet. Die Verwirrung ist verwirrt. Oder vielleicht auch nur das Lama.

·        «Ich weiss nicht, ob ihr gerne fossile Brennstoffe verbrennt oder ob ihr einfach irgendwelche Klientel subventioniert, wirtschaftlich lässt sich euer Antrag jedenfalls nicht begründen», so Fabian Fankhausers - wie immer - sehr diplomatische Antwort auf das Ansinnen der SVP, den Gasausstieg nach hinten zu verschieben. Etwas sanfter formuliert es Päivi Lehmann (SP), die der Hinauszögern – Strategie der SVP aber ebenfalls einen Korb gibt.

·        Ich fasse jetzt mal rudimentär zusammen: Die eine Hälfte des Stadtrats will den Gasausstieg später (oder vielleicht am liebsten gar nicht, man weiss es nicht), weil sie befürchten, dass einem Teil der Bevölkerung – also diejenigen, die noch mit Gas heizen – dadurch Nachteile erwachsen, aber auch, weil das Gasnetz noch intakt ist und es deshalb wenig sinnvoll sei, es stillzulegen. Die andere Hälfte findet das Vorgehen des Gemeinderates richtig – oder hätte sich eher noch einen rascheren Ausstieg gewünscht. Das ist der Kern Diskussion – und zwischendurch ging es dann um Wärmeverbünde, Planwirtschaft, falsche Prognosen, Patriotismus und der Aussage, dass schliesslich niemand in die Zukunft sehen könne. Ausser ich. Ich kann das mit meinem Tarotkarten. 

·        Dafür, dass die Diskussion so lange ging, ist die Entscheidung erstaunlich klar: Der Stadtrat folgt mehrheitlich dem Gemeinderat und stimmt damit dem Gasausstieg 2040/2045 zu. Eine Zangengeburt, aber ein leicht händelbares Baby, quasi (ja, ich hatte schon bessere Metaphern. Verklagt mich doch.).

·        Zur Warnung: Mein Akku macht es wahrscheinlich nicht mehr allzu lange und ich gescheites Wesen, gedacht habe, dass ich es ja sicher nicht brauche, weil es eine schnelle Stadtratssitzung ist (haha) – das ist die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist, ich habe ein Notizbuch dabei und mache mir dann notfalls einfach handschriftlich Notizen (wie früher). Wenn ich also nicht mehr live bin, bin ich nicht von genervten Stadträt:innen gefesselt und geknebelt ins Klo gesperrt worden und bin auch nicht ganz spontan zum Südpol ausgewandert.

·        Also ehrlich gesagt, bezweifle ich langsam, dass wir überhaupt noch mit dieser Debatte fertig werden, weil jetzt wird noch ein Antrag zu Prozessgas gestellt (ich erfahre hier mehr über Gas, als ich je wissen wollte) und alle Fraktionen müssen den erst noch besprechen, weil sie sonst nicht wissen, was sie abstimmen sollen. Dieses Gas macht alles, aber keinen Spass. Ich glaube, mein Hintern ist abgestorben (aber der war zugegebenermassen eh nicht so besonders beeindruckend). Es stellt sich heraus, dass der Gemeinderat diese Frage schon geklärt hat. Aber schön haben wir darüber geredet. Aber falls der Antrag durchkommt, wird das ganze Geschäft noch einmal zur Überarbeitung zurückgewiesen und wir haben diese ganze Debatte nochmal. Hurra.

·        Aber auch dieser Antrag scheitert an der Union von SP/GL, GLP/EVP, sowie der FDP/JLL (wobei sich Fabian Fankhauser enthielt). Und dann kommen wir endlich, ENDLICH zur Schlussabstimmung (obwohl jemand in der Pause zu mir meinte, er dachte eigentlich, die Diskussion ginge länger und ich frage mich, wie noch länger, wollt ihr noch bis um drei Uhr morgens hier sitzen???) und das Reglement wird verabschiedet.

 

 

 

Teil 4: Tue Gutes und sprich darüber

·        Ein Ende findet die zwei Klassengesellschaft in Bezug auf die Angestellten der Stadt. Einige von ihnen (wie etwa Reinigungskräfte) waren bis anhin noch im Stundenlohn angestellt, eine Motion verlangte, dass diese ebenfalls in einem festen Lohnverhältnis angestellt werden. Der Gemeinderat und die Verwaltung setzte diesen Wunsch um und die Motionär:innnen sind zufrieden mit der Umsetzung. Happy End für alle. Brauchen wir auch hin und wieder.

·        Es folgt die neue Leistungsvereinbarung mit Tokjo – dem Trägerverein für offene Kinder – und Jugendarbeit. Ohne Zustimmung, so die zuständige Ressortvorsteher Stefanie Barben (FDP) werde die überregionale Zusammenarbeit erschwert. Anpassungen sind nötig, weil die Kosten sich verändert haben, aber auch der Aufwand an Betreuungspersonen, da die Herausforderungen gestiegen sind (2 Betreuungspersonen pro Kind). Das greift die SVP in ihrem Votum auf. Sie zeigt sich besorgt darüber, dass es offenbar unter anderem auch wegen gestiegener Gewaltbereitschaft seitens der Jugendlichen, nötig wird, die Betreuung engmaschiger zu gestalten. Tokjo wird in Langenthal schon lange gestützt und die Jugendarbeit geschätzt, von daher überrascht es kaum, dass die Fraktionen dem Kreditgeschäft geschlossen zustimmen. Du weisst, dass du geliebt wirst, wenn der Stadtrat dich geschlossen toll findet (aber gut, es geht um Kinder und Jugendliche – da ist wohl kaum jemand ernsthaft dagegen. Das ist wie mit Kätzchen. Alle mögen Kätzchen. Und wer Kätzchen nicht mag, ist unwürdig dieses Protokoll zu lesen (nein, Spass. Lest nur. Auch wenn ihr keine Kätzchen mögt – Hauptsache ihr mögt Lamas.

·        Der Gemeinderat hat sich auf Wunsch des Stadtrats auch noch ihrer Kommunikation gewidmet – in der Vergangenheit wurde oft beklagt, dass die Stadt ungenügend mit der Bevölkerung kommuniziert (nicht einmal ein Instagram Konto lag drin, weil dessen Betreuung angeblich zu viel Zeit kostet und quasi das Einstellen einer Fachperson fordert). Der Gemeinderat hat nach einer Mitwirkung verschiedene Massnahmen ergriffen (und ja, Social Media gehört dazu – ich will meine Katzenbilder, vergesst das nicht). Gerade vor den Abstimmung soll offener und breiter kommuniziert werden. Diese Aufgaben sollen mit dem bestehenden Personalaufwand gestemmt werden (also keine eigens ausgebildete städtische Influencer:innen). Der Gemeinderat sieht die Motion als erfüllt an und beantragt Abschreibung (böse Zungen könnten jetzt behaupten, dass das Social Media Konzept der Stadt vielleicht bis jetzt einfach war, die Kommunikation dem äusserst aktiven Stapi Reto Müller zu überlassen).

·        Die SP/GL Fraktion stellt einen Rückweisungsantrag, weil die Fachstellen ursprünglich einen höheren Betrag für diese Aufgabe berechneten, der Gemeinderat diesen jedoch einkürzte. Dan Weber (SP), Sprecher der Fraktion, will die Handlungsfähigkeiten der Fachstellen nicht unnötig einschränken, sondern sie sich frei entfalten lasse, denn egal, wie fähig das Personal sei, sie brauche auch das richtige Werkzeug dafür.

·        Eine andere Diskussion ergibt sich vonseiten der GLP/EVP Fraktion – diese hat nämlich vor Monaten einen Antrag gestellt, dass ihnen die Beschlüsse des Gemeinderates zugestellt werden, der Gemeinderat wollte das aber irgendwie nicht und schlussendlich reichten sie eine Beschwerde ein, die noch hängig ist. Jetzt schlägt der Gemeinderat ironischerweise die Veröffentlichung seiner Beschlüsse als Instrument zur Verbesserung der Kommunikation vor. Ich würde sagen: Da ist die Kommunikation im Vorfeld wohl gründlich schiefgelaufen.
 

·        Vize – Stapi Michael Schär stellt bei dem Rückweisungsantrag ein gewisses Misstrauen gegenüber dem Gemeinderat fest. «Ich weiss jetzt nicht, was ihr davon habt, wenn wir einen höheren Beitrag im Budget zurückstellen – ob wir den ja denn wirklich ausgeben, steht auf einem anderen Blatt», so Schär und versichert den skeptischen Stadträt:innen, dass schlussendlich ja ohnehin sie entscheiden würden, also immer noch mehr Mittel sprechen könnten. Das überzeugt eine knappe Mehrheit des Rates, 18:17 entscheidet sich der Stadtrat gegen den Antrag der SP, die Motion wird schlussendlich durch Stichentscheid des Ratspräsidenten Diego Clavadetscher abgeschrieben. «Weil ich Vertrauen habe», wie Clavadetscher leicht süffisant hinzufügt.

 

Teil 5: Tschüssi!

Sooo, ihr Lieben, mein Akku geht rasant zur Neige, meine Konzentrationsfähigkeit auch (wobei die heute ehrlich gesagt nie so toll war) und die Geschäfte, die jetzt noch kommen, sind Fristverlängerungen und die Mitteilungen des Gemeinderates (ich bin sicher, das ist wichtig, aber vielleicht nicht…sooo wichtig?) Ich verabschiede mich deshalb schon mal. Danke fürs Mitlesen und bis – hoffentlich – bald.
(Und danke für den schlagfertigen Stadt – und Gemeinderat, der mir wunderbare Sprüche serviert hat).

Best of

 

«Heute müsst ihr mich oft ertragen.» Michael Schär (FDP) warnt schon einmal vor.

«Das war die kürzeste Präsentation des Jahresberichts während meiner gesamten parlamentarischen Karriere – aber das ist ja kein Wettbewerb.» Alles ist ein Wettbewerb, Diego Clavadetscher, gerade du als FDPler solltest doch das wissen.

«Auch die GPK hat den Bericht sogar gelesen.» Corinna Grossenbacher (SVP) erledigt ihre Hausaufgaben tadellos.

«Das wäre eine Falschmeldung – wir haben keinem Transfer zugestimmt, Ruth Jörg ist immer noch Teil unserer Fraktion!» Pascal Dietrich (Liste 49) will seine Fraktionskollegin nicht an die SVP ausleihen, auch wenn sie im Jahresbericht als SVPlerin ausgewiesen wird

«Es zeigt sich wie so oft – wir hatten Recht.» Fabian Fankhauser (GLP) gibt sich bescheiden und demütig.

«Prognosen sind sehr schwierig, insbesondere wenn sie die Zukunft betreffen.» Stellt sich die Frage, welche Prognosen denn nicht die Zukunft betreffen. Pascal Dietrich

«Mein Text ist verschwunden – naja, ist vielleicht besser… so» Daniel Huber (SVP) verliert am Rednperult den Faden, den Text und irgendwie auch die Lust.

«Fabian, du hast mich gerade richtig angestachelt.» Corinna Grossenbacher und ihr persönlicher Coach Fabian Fankhauser.

« Manchmal muss man sich eure Anträge auf einfach schön trinken.» Wieder Fabian Fankhauser.

«Es erfüllt mich mit tiefer Freude hier zu sein.» Wenigstens Diego Clavadetscher ist noch gerne hier.  

«Und sonst schickt ihr einfach Geld…äh, ich meine…ach, das waren ein bisschen viele Geschäfte.» Michael Schärs revolutionärer Ansatz für Streitereien bei der Finanzierung: Stadträt:innen können ja einfach selbst bezahlen.

Samstag, 30. Mai 2026

Jacinda und ich

 

Meine Theorie ist ja, dass Bücher die Fähigkeit haben, zur richtigen Zeit von der richtigen Person gelesen zu werden. Bei mir hat sie sich letzthin wieder bestätigt, und zwar bei der Biografie von Jacinda Ardern. Für die, die sie nicht kennen: Jacinda Ardern war von 2017 bis 2023 Premierministerin von Neuseeland. In ihre Amtszeit fielen sowohl ein Vulkanausbruch als auch die Coronapandemie, 2019 wurde das Land zudem von den rechtsextremistischen Terroranschlägen auf zwei Moscheen in Christchurch erschüttert. Ardern beeindruckte mit ihrem Krisenmanagement, aber vor allem auch durch ihren empathischen und sensiblen Umgang mit den Hinterbliebenen und Opfern, der wohl auch dazu beitrug, dass das Land sich nicht spaltete, sondern sich in seinem Schmerz einte.

In ihrer Biografie erzählt Jacinda Ardern, dass sie ein sehr sensibler Mensch sei und dass ihr im Laufe ihrer Karriere oft erklärt worden ist, dass sie diese Eigenschaft in der Politik ablegen müsse. Sie beschreibt, dass ihre Empathie ihr manches erschwerte, aber sie streicht auch hervor, dass sie genauso oft davon profitierte und ihr Erfolg als Regierungschefin gerade in ihrer Empathie begründet lag. Etwas, was ihr als Schwäche ausgelegt wurde, hat sie zu ihrer Stärke gemacht.

Mich hat das beeindruckt, weil ich mit zwei Dingen in meinem Leben immer wieder struggle. Das eine sind meine Ängste, das andere meine Sensibilität (oder, wie es weniger freundliche Menschen formulieren würden, meine Empfindlichkeit). Ich habe es beispielsweise schon als Kind nicht gemocht, wenn in Filmen gestritten wurde und bin dann oft aus dem Raum gegangen (also, wenn die Guten miteinander gestritten haben) und ich habe auch immer viel geweint, aus Gründen, die andere oft nicht nachvollziehen konnten (und ich selbst manchmal auch nicht). Das Weinen ist mir geblieben, was mir unfassbar unangenehm ist (weil heulend auf der Toilette sitzen entspricht jetzt nicht dem Bild der taffen Politbloggerin, das ich gerne kultivieren würde).

Als ich anfing mich für Politik zu interessieren und meinen Blog darauf auszurichten, war meine Mutter nicht sonderlich begeistert, weil sie das Klima für mich zu rau hielt. Sie dachte dabei aber wahrscheinlich eher an die nationale Politik als an die Lokalpolitik, die natürlich weitaus weniger hart ist und der Umgang sicher freundlicher. Als Lama habe ich jedenfalls wenige schlechte Erfahrungen gemacht und bin fast überall immer wohlwollend behandelt worden. Aber es ist schon so, dass ich manchmal nach Stadtratsdebatten emotional so sehr involviert bin, dass nicht mehr schlafen kann und sie mir noch tagelang nachhängen. Mich wühlt es auf, wenn die Stimmung heftig wird und die Voten schärfer werden oder wenn ich sehe, wie jemand, den ich mag und schätze, angegangen wird. Und natürlich mache ich mir auch oft Sorgen, dass meine eigenen Texte, so lustig sie auch gemeint sind, jemanden wehtun könnten.

Mir wurde in den letzten Jahren oft geraten, mir ein dickeres Fell zuzulegen und ich habe immer gesagt: «Ja, ich weiss.» Und ich wollte immer daran arbeiten, aber ehrlich gesagt, hätte ich wahrscheinlich genauso gut versuchen können, noch ein paar Zentimeter zu wachsen oder mich in eine Strassenlaterne zu verwandeln, weil, egal wie sehr ich mich anstrengte, taff zu sein, im Kern blieb ich immer ich: Ein Sensibelchen. Und als ich anfangs des Jahres schliesslich einsah, dass das immer ein Teil von mir bleiben würde, begann ich darüber nachzudenken, mit dem Polit – Blogging aufzuhören. Wie sollte das zusammen gehen? In einem Moment freche Sprüche reissen, im anderen weinend nachhause laufen, weil das Parlament ein paar wilde Takes zu Nazis in Langenthal rausgehauen hat – das ist doch irre.

Ich liebe es über Politik zu schreiben und Satire darüber zu machen und es war immer ein Traum von mir das irgendeinmal das Lama über Langenthal hinauswachsen zu lassen. Aber wenn ich selbst hier in diesem geschützten und gesitteten Raum ins Schleudern gerate, was würde es denn mit mir machen, wenn ich ihn verlasse? Es ist nicht nur das starke Empfinden von Konflikten, das Mitgefühl mit Scheiternden, der Stress, den emotional aufgeladene Kampagnen bei mir auslösen, es ist auch der innere Druck, die eigenen Verletzlichkeiten nicht einmal mehr ansprechen oder thematisieren zu können, ohne dass mir kaltschnäuzig ein: «Wer austeilt, muss auch einstecken können» entgegen geschleudert zu bekommen.

Nun und dann las ich also Jacindas Biografie, in der sie, entgegen dem Klischee, dass Politiker:innen immer abgebrüht und sachlich und cool sein müssen, ganz offen mit ihren Unsicherheiten und Zweifeln umgeht und in der sie ihren sensiblen Charakter nicht versteckt, sondern vielmehr hervorstreicht. Es machte mir Mut, dass sie ihre Sensibilität als Stärke und Ressource sah und ich begann darüber nachzudenken, inwiefern ich von dieser Eigenschaft profitiere.

Ich glaube zum Beispiel, dass mein Schreiben eng mit meiner Empathie verknüpft ist, weil es mir leichtfällt, mich in andere Menschen hineinzuversetzen. Auch mein Gespür für Situationskomik ist Teil dieses Einfühlungsvermögens und die Tatsache, dass viele Menschen unterschiedlicher Parteiherkunft über meine Protokolle lachen können, beweist ja auch, dass ich dabei auch einigermassen ausgeglichen vorgehe, was nicht der Fall wäre, wenn ich andere Meinungen nicht nachfühlen könnte. Es gab auch mal eine Zeit, in der ich viele Interviews geführt habe – mir sind ausnahmslos alle Lokalpolitiker:innen dabei sehr offen und ehrlich begegnet, was sie wahrscheinlich nicht getan hätten, wenn sie mich als rücksichtslose Bloggerin, die für einen guten Gag alle vor den Bus schubsen würde, kennengelernt hätten.

Als mir das bewusst wurde, wurde mir klar: Ich mache mir Gedanken, dass ich das Lama nicht weiterführen kann, weil ich zu sensibel bin – aber wer sagt mir denn, dass das Lama ohne diese oft von mir verfluchte Sensibilität überhaupt irgendeine Form von Erfolg gehabt hätte? Und wäre es nicht dumm von mir, etwas aufzugeben, was ich liebe, nur weil Politik als hartes Pflaster gilt?

Dann streue ich halt ein bisschen Blumen auf dieses harte Pflaster.  Und besorge mir genügend Taschentücher.

Also wird’s hier weitergehen.

Jacinda ist schuld.

 

 

 

Wer ist Roland Loser?

  Obwohl es den Anschein hat, als hätten sich nicht nur die vereinten bürgerlichen Parteien, FDP und SVP, sondern auch noch gleich die ges...