Donnerstag, 2. Juli 2026

Langenthals Next Topstapi


Die Vorgeschichte

Wer lesen kann ist klar im Vorteil, heisst es so schön und tja, was soll ich sagen: Ich kann es offenbar nicht, was als Buchhändlerin ein bisschen beschämend ist, aber eigentlich war es auch eher ein Zahlenproblem, und mit denen hatte ich ja schon immer noch mehr Probleme als mit Männern (und das will was heissen). Auf jeden Fall habe ich die Einladung zu dem von Avenir 49 ausgerichteten Stadtpräsidentenwahlpodium (dieses Wort würde bei Scrabble viele Punkte einbringen) falsch gelesen und meinen armen Herrn Vater schon um halb sechs in die Kunsthalle aufs Porzigelände geschleppt, wo wir uns darüber wunderten, dass niemand da war, ausser eine Bekannte, die anfing mit über Kunst zu reden und mich fragte, ob ich über die Ausstellung schreiben wollte, was mich komplett verwirrte, weil, ohne den beiden jetzt zu nahe treten zu wollen, ich würde jetzt weder Patrick Freudiger noch Roland Loser als Kunstwerke betiteln (aber wenn, wären es natürlich klassische Meisterwerke) und naja, am Ende stellte sich heraus: Wir waren eineinhalb Stunden zu früh dran. Als Entschuldigung für meinen Aussetzer, gabs dann Glace für meinen Vater und ich glaube, er fand den Deal gar nicht so schlecht.

Der Vorteil war jedenfalls: Wir waren früh genug dran, um uns gute Plätze zu sichern, weil als dann der richtige Zeitpunkt da war, füllte sich die Kunsthalle ziemlich schnell. Aber es geht ja auch um etwas Wichtiges, nicht wahr, es geht um die Zukunft unserer schönen Stadt, darum, wer uns zukünftig rumkommandieren…äh, ich meine, wer uns zukünftig huldvoll regieren darf, um die Krone von Langenthal. Wer wird nächster Stapi? Roland Loser, Kandidat der Rotstrümpfe (aka die SP) oder doch Patrick Freudiger, Kandidat der Blaulinge (aka die SVP und die FDP)?

Diese Frage stellte auch Sonja Hasler, die Moderatorin des Abends, wobei sie die beiden Namen ausrief, als wären wir tatsächlich bei einer Kunstauktion und verkündete, da ja so viele Leute da seien, könnten wir auch gleich wählen – eine Aussicht, die Kandidat Patrick Freudiger etwas nervös machte, während Roland Loser gelassen meinte, er sei sich Auftritte vor grossem Publikum gewöhnt, schliesslich er Tambourmajor der Gugge «Flötemadli» - und was ist schon so ein popliges Podium, wenn man letzte Fasnacht noch in schwarzen Ringelstrumpfhosen das anspruchsvolle Publikum im Bären unterhalten hat?

Prinzessin Rollifee und König Freudiger

Bevor es aber so richtig zur Sache ging und die Fäuste…äh, ich meine, die Worte flogen, stellte Hasler erst einmal ein paar spielerische Fragen etwa, ob sie, wenn sie es sich aussuchen könnten, lieber sympathischer oder intelligenter wären (Roland Loser wählte intelligenter, während Patrick Freudiger sich mit einem eleganten «manchmal ist es intelligenter sympathisch zu sein» aus der Affäre zog) oder, ob sie, wenn sie sich eine Hauptrolle aussuchen könnten diese lieber in Dirty Dancing oder James Bond spielen würden (Freudiger sieht sich eher als James Bond, Roland Loser wäre gerne Patrick Swayze – ich persönlich hätte ja gerne gesehen, wie die beiden Kandidaten die berühmte Hebefigur nachspielen. Ich sah es geistig schon vor mir, wie Roland Loser Patrick Freudiger in die Luft schwingt und dieser die Arme ausbreitet und «ich bin der König der Welt» ruft…wobei, das ist ein anderer Film) und über welche Talente sie verfügen, die ihnen im Stapi – Amt helfen könnten (Roland Loser erklärte, er könne gut Sprechpausen machen und die Leute damit verwirren, während Patrick Freudiger offenbar gut zeichnen kann und findet, dann könne er ja auch schönfärben, wenn was nicht so toll läuft).

Einen Hauch politischer war die Frage, was die beiden tun würden, wenn sie einen Tag in Langenthal alles bestimmen könnten. Patrick Freudiger erklärte sich feierlich zum Demokrat und versicherte, er würde die Verfassung sofort wieder in Kraft setzen und abdanken, aber seine Krone veräussern und von dem Erlös ein Stadion finanzieren (er könnte sie auch einfach mir geben, mir würde die sicher hervorragend stehen). Roland Loser dagegen wünschte sich keine Krone, sondern einen Feenstab, den er schwingen könnte, damit sich die Stimmung in Langenthal bessert – Prinzessin Rollifee sozusagen.

Nach dem munteren Einstieg wurde es schliesslich ernst und seriös (endlich – ihr wisst, wie sehr es mir widerstrebt zu lachen). Da der Abend von Avenir 49 organisiert wurde (Avenir 49 ist ein parteiübergreifender Verein, der unter anderem als Schnittstelle und Dialogförderer zwischen Politik und Wirtschaft) waren es auch deren Mitglieder (allesamt aus dem bürgerlichen Spektrum – die linken Mitglieder dieses parteiübergreifenden Bundes hatten wohl leider keine Zeit), die den Kandidaten Fragen zu den verschiedenen Handlungsfeldern stellte.

Werbendes Gewerbe

So brachte Michel Giesser das Thema Marktgasse auf. Wie viel Verkehrsberuhigung braucht es denn nun im Zentrum? Roland Loser zeigte sich hierbei von seiner grünen Seite, indem er sich klar für 20er und 30er Zonen aussprach. Der Transitverkehr soll aussen durch gelenkt werden, auch weil er bezweifelt, dass sich jemand spontan beim Durchfahren für den Kauf einer Brille beim Hunziker entscheidet, schon gar nicht, wenn er oder im rasanten Tempo durchfährt und die Werbereklamen gar nicht sehen kann. Zudem sorgte er sich um die zukünftige Verkehrszunahme. «Wir müssen mehr Leute aufs Velo bringen», so Loser, der selbst passionierter Velofahrer ist (ich würde ja jetzt schreiben, dass ich nicht mit dem Fahrrad durch die Marktgasse brettern will, weil mein Hintern schon bei der Vorstellung wehtut, aber um ehrlich zu sein, fahre ich einfach generell kein Velo – ich nehme das Einhorn. Oder den Hexenbesen). Patrick Freudiger will den Autoverkehr nicht abschaffen und möchte den Verkehr nicht gegeneinander ausspielen (als würden wir in Langenthal irgendwas gegeneinander ausspielen, also bitte…).

Auf Giessers Frage, mit welchen Massnahmen die Stadt dem Gewerbe in Langenthal helfen könnte, wusste Patrick Freudiger einiges zu sagen: Mehr Reklamebeschriftungen ermöglichen, weil diese in Langenthal sehr streng geregelt werde – hier gelte es, die richtige Balance zu finden zwischen Denkmalschutz und den Interessen der Gewerbler:innen. Als er zudem ansprach, dass es helfen würde, wenn nicht bei jedem Mieterwechsel eines Geschäfts, ein Baugesuch eingereicht werden müsse, bekam er sogar Szenenapplaus vom Publikum.

Beim Thema Gesundheitswesen in Langenthal (vertreten von Haslibrunnen Geschäftsführer Hansjörg Lüthi) verwiesen beide Kandidierenden darauf, dass der Handlungsspielraum der Stadt begrenzt sei, weil in diesem Bereich vieles kantonal oder national geregelt sei. Um die Alterszentren und das SRO für Arbeitnehmer:innen attraktiver zu machen (wir wissen, im Gesundheitsbereich fehlt Fachpersonal), schlägt Roland Loser die Schaffung von internen Kitaplätzen vor, während Patrick Freudiger den Punkt der engen Vernetzung hervorhebt. Anders als in grossen Städten sind in Langenthal die verschiedenen Akteure auf engem Raum zu finden und eine Zusammenarbeit deutlich leichter – von der Haslipraxis kann man beispielsweise problemlos rüber zum SRO für weitere Untersuchungen (und wenn gar nichts mehr hilft, ist der Friedhof ja gleich um die Ecke…okay, war der sehr böse? Zu böse? Entschuldigt, es ist spät.)

 

Warten auf Visionen. Oder Baugesuche.

Bis zu dem Zeitpunkt waren die beiden Kandidaten sich vielleicht nicht in allem einig, aber doch irgendwie harmonisch unterwegs, aber dann *dramatischer Trommelwirbel* kam Jon Baumann auf die Bühne und er brachte Feuer und Blut (ähm, entschuldigt, ich lese gerade die Buchvorlage zu «House oft the Dragons», evtl. beeinflusst mich das ein bisschen), ich meine, er brachte das neue/alte Kulturkonzept auf den Tisch, das ja in den letzten Tagen für einige Furore gesorgt hat, weil grosse Teile der Kulturkommission sich davon schneller distanziert haben, als wir uns voneinander während Corona. «Hat Langenthal denn so gar keine Vision für die Kultur?», so Baumann provokante Frage.

Roland Loser wusch seine Hände in Unschuld, indem er verlauten liess, bei der Erarbeitung des Konzepts sei er noch nicht im Gemeinderat gewesen und verwies auf die bürgerliche Mehrheiten. Es fehle bei den Bürgerlichen an Leuten, die bereit sind, sich für Kultur einzusetzen, konstatierte Loser, was bei Patrick Freudiger nicht so gut ankam. Es sei nicht sehr konstruktiv in das alte Links – Rechts – Schema zu verfallen, so Freudiger, und betonte, so ein Konzept sei keine Bestellliste, die es abzuarbeiten gilt und dann sei alles erledigt, vielmehr gelte es, als Stadt gute Bedingungen zu ermöglichen, damit Kultur florieren könne – etwa, indem man Spielraum in Sachen Lärmschutz ausreize.

Spielraum ausnutzen scheint ohnehin so eine Art Lieblingssport von Patrick Freudiger zu sein, denn das möchte er auch beim Thema «Das ewige Warten auf Baugesuche». Auf die Klagen von Christian Meier, man warte nirgendwo so lange auf die Bewilligung von Baugesuchen wie in Langenthal («doch, in Nordkorea, wandte Sonja Hasler an dieser Stelle ein), erwiderte Freudiger, man müsse sich in diesem Bereich auch erlauben Fehler zu machen und sich getrauen, Fachbehörden auch einmal zu widersprechen – das gehe aber nur, wenn man die Verwaltung gleichzeitig schütze, also als Chef auch hinstehe, wenn es schiefläuft. Und dafür sei er bereit (denn der Chef ist ja dann er). Roland Loser sieht Potential in der Digitalisierung, strich aber hervor, für ihn dürfe Qualität nicht auf Kosten von Tempo gehen.

Bauen würde man in Langenthal auch gerne ein Stadion – oder zumindest würde man gerne mal das Alte sanieren, vom Bauen redet man schon gar nicht mehr.  Marcel Born erkundigte sich bei den beiden Kandidierenden, wie sie denn zum Stadion stehen, was beide dazu veranlasste, auf die Knie zu fallen und zu versichern, dass ihre ewige Treue dem SCL und der Eishalle gilt und sie es mit ihrem Leben und Tod schützen würden…okay, nein, das ist natürlich nicht passiert (vielleicht sollte ich aufhören dieses Buch zu lesen). Aber Roland Loser outete sich zumindest als SCL Fan (er war auch Gründungsmitglied der damaligen Operation Eissport, die ja das Ziel hatte, eine neue Eishalle zu ermöglichen), schob aber hinterher, dass für ihn eine Sanierung nicht auf Kosten anderer gehen dürfe, der finanzielle Rahmen also eingehalten werden müsse. Patrick Freudiger sieht im jetzt anlaufenden Projekt (der Vorkredit wurde vor kurzem vom Stadtrat genehmigt) die letzte Chance, dass die Sanierung noch über die Bühne (bzw. über das Eis) zu bringen, zeigt sich aber optimistisch, dass das gelingt. Optimismus ist immer gut.

Saniertes Oberaargau

Und Optimismus braucht Langenthal auch, denn inzwischen ist hier einiges sanierungsbedürftig, nicht nur die Eishalle, sondern auch das Verhältnis zwischen Gemeinderat und Stadtrat und vor allem auch diverse Schulhäuser, die teilweise so aussehen, als stünden sie kurz vor einer Bewerbung für die Verfilmung des Lieds «Das alte Haus von Rocky Docky». Hier fanden sich die beiden Kandidierenden auch wieder in grosser Harmonie und Freundschaft (okay, das ist ein bisschen übertrieben, ich möchte aber nicht immer: da waren sie sich einig schreiben, das ist langweilig), denn beide sind der Meinung, dass da dringender Handlungsbedarf besteht. Für Patrick Freudiger ist die Schulinfrastruktur noch prioritärer zu behandeln als die Sportinfrastruktur, Roland Loser findet es gar beschämend, wie die Kindergärten aussehen.

Und so halb zerfallene Kindergärten sind ja auch ganz schlecht für die Standortattraktivität (bitte, bewundert meine Überleitung). Wie wir diese steigern können, wollte Silvia Jäger, Geschäftsführerin Region Oberaargau wissen, worauf Roland Loser antwortete, es brauche eben mehr als tiefe Steuern – eben zum Beispiel eine Bildungsinfrastruktur, die ihren Namen auch verdiene. Patrick Freudiger sieht das Potential eher in Arealentwicklungen – etwa der Alten Mühle. Das könnten Visitenkarten für die Stadt sein, so Freudiger, der allerdings auch einen angenehmen Nebeneffekt in der Tatsache sieht, dass der Oberaargau gerne mal vergessen geht: Die Immobilienpreise sind tiefer als anderswo. Es hat eben auch seine Vorteile, wenn niemand bei dir leben will.

«Was ich Sie noch fragen wollte…»

Nachdem die «grossen» Themen quasi abgearbeitet waren, folgte der Schwank ins Publikum und ganz untypischerweise folgten relativ viele Fragen (wir kennen doch alle diesen leicht peinlichen Moment, wenn ein Vortrag zu Ende ist und die Moderation tapfer die Fragerunde eröffnet und alles was man hört ist das Zirpen von Grillen, weil alle gedanklich schon auf dem Nachhauseweg oder beim Apéro sind und dann muss irgendjemand pflichtschuldig eine total banale Frage stellen, damit man die Runde irgendwie auflösen kann).

So schlug jemand den beiden Jobsharing vor, was beide ziemlich hastig ausschlossen (wobei Roland Loser scherzhaft erzählte, ihm sei bereits vorgeschlagen worden, er solle sich den Job mit Stefanie Barben (Gemeinderätin FDP), weil so auch der Anspruch der Frauen abgedeckt sei, aber diese wolle nicht) und ob sich das Vollzeitamt als Stapi mit ihren Jobs und ihren Familien vereinbaren liesse. Beide müssten ihren Job zwangsläufig aufgeben, weil du neben dem Stapiamt sowieso keinen anderen Beruf ausüben darfst, der Geld abwirft. Was die Familie betrifft, so stellte Patrick Freudiger klar, dass seine Familienzeit ihm heilig sei und diese nicht verhandelbar ist, während Roland Loser darauf verweist, dass seine Kinder «plusminus» erwachsen seien (ich liebe diese Formulierung – so eine klassische Elternformulierung à la. Ja, du bist alterstechnisch erwachsen, aber wir wissen beide, wen du anrufst, wenn die Kacke am Dampfen ist).

Weil an diesem Abend öfters das belastete Verhältnis zwischen den Behörden angesprochen wurde, erkundigte sich eine anwesende Stadträtin, was den die beiden zu tun gedenken, dieses zu bessern. Roland Loser sieht den Schlüssel darin, wieder mehr miteinander zu reden, anstatt sich gegenseitig Briefe zu schreiben (ohhh, ich finde ja ganz süss, sich Briefe zu schreiben. Handschriftlich und mit parfümierten Umschlägen hoffe ich), Patrick Freudiger sieht eine Schwierigkeit darin, dass das Parlament erst relativ spät in die Prozesse eingebunden wird, das fördere Opposition.

Zum Abschluss sollten die beiden Kandidaten noch sagen, was sie jeweils am anderen am besten finden, und wir erfuhren, dass Roland Patrick gerne zuhört, weil das schon immer auch unterhaltsam sei, während Patrick Rolands berufliche Expertise als IT – Experte schätzt (Loser ist Informatiker) – und wenn diese Expertise fehlt, können IT – Projekte schon mal schiefgehen und teuer werden (liebe Grüsse an die Stadt Bern). Pragmatischer Abschluss eines pragmatischen Podiums, würde ich sagen.

Das Ende naht. Also, das Ende des Blogs. Ihr wisst schon.

Was haben wir über die beiden Herren gelernt, die den Stapi – Thron erklimmen möchten? Von Patrick Freudiger wissen wir jetzt, dass er gerne liest, nämlich Machiavelli (was man halt zur Entspannung so liest, nicht wahr), dass er kein Instrument spielen kann und das er für einen Fussballmatch auch gerne mal früher aufstehet. Von Roland Loser wissen wir, dass er Sophie Hunger verehrt, gerne mehr Bäume und mehr Wasser in der Stadt braucht und das sein Lieblingsfach Mathematik war, die Schule aber generell nicht mit so viel Begeisterung besucht hat. Und: Beide kommen Langenthal günstig, sollte jemand sie mal entführen, sie sind nämlich beide der Ansicht, als Lösegeld reiche in ihrem Fall zwei Kästen Bier. Vielleicht lässt der Entführer sie aber auch freiwillig wieder gehen, nachdem Patrick Freudiger ihn ausführlich über die Spielräume, die so eine Entführung biete, belehrt und Roland Loser ihn mit Sophie Hunger Liedern gequält hat.

Langenthal hat die Wahl zwischen zwei unterschiedlichen Persönlichkeiten und Politikern, die aus den beiden Polparteien kommen – es wird also wohl auch darauf aufmerksam, wer schwankende Mitte – Wählende von sich überzeugen kann und wer das eigene Klientel genügend stark mobilisieren kann. Das Rennen ist offen, wir wissen nur eines: Nur einer kann Langenthals Next Topstapi werden!

Langenthals Next Topstapi

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