Donnerstag, 6. August 2026

Wer ist Patrick Freudiger?

 




Bild: Leroy Ryser

Dass die Bürgerlichen sich ihn als Stadtpräsidiumskandidaten wünschen, war ein offenes Geheimnis. Als langjähriger Stadtrat, jetziger Gemeinderat und Grossrat hat Patrick Freudiger alles in seinem politischen Rucksack, was man sich nur wünschen kann. Die Frage war mehr, ob er es überhaupt will, denn Patrick Freudigers Prioritäten lagen nie in der Politik, sondern im Beruf und bei seiner Familie. Politik, so sagt er selbst, war für ihn lange ein spannendes Hobby, das er durchaus erfolgreich betrieb, in dem er aber nie den Ehrgeiz entwickelte, sich in die Höhe zu schwingen. Und doch, entschied er sich schliesslich im Oktober, dem Wunsch der Findungskommission zu folgen und die Kandidatur zu wagen – unter der Bedingung, dass die Bürgerlichen geschlossen auftreten, denn die SP ist in Langenthal ein starker Gegner.

In Patrick Freudiger werden hohe Erwartungen gesetzt: Er ist beliebt und bekannt, im Ranking der bestgewählten Stadträt:innen landete er mehrmals hintereinander auf dem ersten Platz. In seinem Unterstützungskomitee sind nicht nur bekannte Politiker:innen und die grossen CEOs von Langenthals Unternehmen zu finden. Das sei schon auch mit Druck verbunden, erklärt Patrick Freudiger, von ihm werde erwartet, dass er liefert – nicht nur im Wahlkampf, sondern auch im Falle einer Wahl. Gleichzeitig motiviert es ihn, eben genau diese neuen Impulse und Veränderungen anzustossen, die von bürgerlicher Seite herbeigesehnt werden.

Mit der Kandidatur verstärkte er auch seinen Auftritt auf Social Media. Deren Plattformen hat Patrick Freudiger bis jetzt eher gemieden – ab und zu nutzte er sein Facebookprofil, aber höchstens, um mal eine Kolumne zu veröffentlichen oder um auf einen politischen Erfolg aufmerksam zu machen. Für den Wahlkampf hat er sich jetzt Instagram eingerichtet, allerdings nicht, um jetzt sein ganzes Leben in die Öffentlichkeit zu zerren und sich zu inszenieren, wie er betont. Die Familie, vor allem seine beiden Kinder, will er möglichst raus halten.

Selbstinszenierung war nie sein Steckenpferd – aber als Stadtpräsident muss das ja auch nicht zwingend sein. Klar ist aber, dass Patrick Freudiger seinen Beruf aufgeben müsste: Das Stadtpräsidium ist das einzige politische Vollamt in Langenthal. Freudiger ist selbstständiger Anwalt mit Niederlassungen in Bern und in Langenthal. Er liebt seinen Beruf und ist stolz auf das, was er aufgebaut hat. Es ist auch nicht das erste Mal, dass seine politische Laufbahn mit der beruflichen Karriere kollidiert. Als er 2014 überraschend in den Grossrat gewählt wurde, gab er seine damalige Stelle am Verwaltungsgericht auf, auch aus der Überzeugung heraus, dass, wer zu einer Kandidatur «Ja» sagt, auch bei einer Wahl dazu stehen muss.

Zwischen einem Stapi und einem Anwalt sieht Freudiger deutliche Parallelen. «Als Stadtpräsident ist man gewissermassen der Anwalt seiner Stadt und versucht, das Beste für sie herauszuholen.» Und als Stadtpräsident und Grossrat sei er nicht wie ein Advokat dazu verdammt, einfach nur die gegebenen Spielräume auszuloten – er könne diese Räume selbst gestalten. Und dazu hat er Lust, eine Lust, die auch durch sein Gemeinderatsamt entfacht wurde, eine Arbeit, die er als angenehm und konstruktiv bezeichnet.

Im Parlament gehörte er oft zu den grössten Kritikern der Exekutive und nahm dabei nie ein Blatt vor den Mund. Heute sieht er naturgemäss mehr hinter die Kulissen - und sieht wie absorbiert die Verwaltungsangestellten schon vom alltäglichen Tagesgeschäft sind und dass die Ressourcen aufgrund der vielen offenen Stellen beschränkt sind. In seinem Wahlprogramm fordert Patrick Freudiger konkret einen besseren Dialog zwischen Gemeinderat und Stadtrat, aber auch zwischen der Politik und der Bevölkerung, die Gremien würden sich zu sehr mit sich selbst beschäftigen.

Den Schlüssel für diese Problematik sieht Patrick Freudiger vor allem in einem früheren Einbezug – sowohl die Bevölkerung als auch das Parlament muss seiner Meinung nach früher zu Wort kommen, wenn es um wichtige Entscheidungen und grosse Projekte geht. Öffentliche Mitwirkungen sind für ihn ein gutes Mittel, die Meinung der Bevölkerung abzuholen – wie wichtig das sei, zeige das Kindergartendebakel von 2023. Auch die Bedürfnisse des Stadtrats sieht Freudiger nach wie vor – auch wenn er selbst dem Gremium inzwischen nicht mehr angehört – und will nicht dieselben Fehler machen, die er als Stadtrat kritisiert hat. Den Ruf des Parlaments nach mehr Mitsprache nimmt er ernst, macht aber auch klar, dass die Lösung schlussendlich aus dem Stadtrat kommen muss – und nicht von der Exekutive diktiert werden darf.

Das Parlament – es hat Patrick Freudiger geprägt, fast 20 Jahre war er Mitglied des Stadtrats. Die Politik wurde ihm gewissermassen in die Wiege gelegt, bereits sein Vater war Stadtratspräsident der SVP. Daher wundert es nicht, dass Patrick Freudiger schon als Kind mit politischen Themen in Berührung kam. Dabei hat er sich aber nie indoktriniert oder unter Druck gesetzt gefühlt, er hatte den Freiraum seine eigenen politischen Ansätze zu entwickeln. Und das tat er, wiederum sehr jung: Bereits mit 15 Jahren hielt er seine 1. August – Rede.

Dass Jugendliche sich anfangen für Politik zu interessieren ist nicht ungewöhnlich, ungewöhnlich ist aber, wie konkret und detailbetont Patrick Freudiger schon damals war: Die Rede drehte sich um die Fremdbestimmung durch die EU, Nato und UNO – Begriffe, mit denen nicht alle Fünfzehnjährigen etwas anfangen können. Eckte das bei seinen Schulkameraden nicht an? Nicht wirklich, findet er. Damals seien in der Schule politische Themen eher stiefmütterlich oder gar nicht behandelt worden, Staatskunde blieb eher theoretisch und so kam es auch unter den Schüler: innen kaum zu grossen Debatten. Wohl ist er auch mal ein bisschen auf den Arm genommen worden, weil seine Kamerad:innen sein politisches Engagement als speziell empfanden, aber im Großen und Ganzen hat es viele schlichtweg nicht interessiert.

Ins politische Rampenlicht trat Patrick Freudiger dann endgültig im Minarett – Streit, der 2009 im schweizweiten Minarettverbot endete. Freudiger war Mitglied des Initiativkomitees «Für ein Minarettverbot» und kämpfte später im Stadtrat dafür, dass der Langenthaler Gemeinderat die Islamische Glaubensgemeinschaft auffordert, ihr damals hängiges Baugesuch für ein Minarett, zurückzuziehen. Das sorgte für Aufmerksamkeit, Patrick Freudiger wurde in vielen Zeitungsberichten zitiert, erwähnt, porträtiert und kritisiert – es schreckte ihn nicht ab, weiterhin seine Meinung in dieser Sache zu vertreten, auch wenn er damit irritierte. Blickt er heute auf die vergangene Debatte zurück, findet er zwar, dass im Abstimmungskampf sicher zu viel Polemik aufgekommen ist, dennoch sei es wichtig gewesen, diese Auseinandersetzung zu führen. «Zum ersten Mal wurde in der Schweiz über gesellschaftlich religiöse Themen diskutiert», so Freudiger, vorher habe man das – gerade im Bezug auf den Islam – eher vermieden. Und auch bei ihm selbst hat damals ein Prozess eingesetzt. «Ich wurde von Moslems gefragt: Was ist denn diese Leitkultur, von dem ihr redet?» Das hat ihn zum Nachdenken gebracht, denn wer Integration fordert, muss auch definieren, wie diese Integration auszusehen hat.

Das Thema hatte auch noch eine weitere Auswirkung auf sein Leben: Er lernte dadurch seine Frau kennen. Ihr erstes Treffen fand statt, weil sie eine Arbeit zu Glaubensfragen verfasste und deshalb einige Fragen an ihn hatte. Über seine Frau sagt er heute, dass sie ihm in Sachen diskutieren einiges beigebracht hat, etwa, dass Schweigen nicht zwingend Zustimmung bedeutet und dass überreden nicht dasselbe ist, wie überzeugen.

Einsichten, die vielleicht auch einen gewissen Einfluss auf Freudigers Politstil hatten. Als junger Stadtrat provozierte er gerne mit scharfen Voten – auch um sich innerhalb der eigenen Partei zu beweisen, denn in der Fraktion war er damals weitaus der Jüngste. Wie viele, die jung zu politisieren beginnen, schlug er dabei auch mal verbal über die Stränge. Mit den Jahren und der Erfahrung verflog diese Lust an der Provokation. Sachpolitische Lösungen und Kompromisse mit Substanz zu finden – das gefällt Patrick Freudiger inzwischen besser als das Poltern am Rednerpult.

Patrick Freudiger ist eloquent, legt Wert auf eine gute Ausdrucksweise und auf einen höflichen, respektvollen Umgang, spricht man über ihn, wird er als durch und durch freundlich beschrieben und als jemand, der seinem Gegenüber auf Augenhöhe begegnet. Wie passt das aber zusammen mit seinem früheren Engagement im Egerkinger Komitee, das eher durch fragwürdige polemische Aktionen auf sich aufmerksam macht und weniger mit konstruktiven Lösungsansätzen, die er selbst anstreben will? In das Komitee reingekommen ist er durch das Minarettverbot, geblieben ist er in einer beratenden Funktion, schlussendlich hat er die Mitgliedschaft aufgegeben, auch weil seine Zeit es nicht mehr zulässt. Intern hat er, nach eigener Aussage, auch Kritik geäussert, wenn ihm die Aktionen zu weit gingen.

Es ist dieses frühere Engagement, als auch seine Tätigkeit als Kolumnist bei der «Schweizerzeit», einer nationalkonservativen Zeitschrift, die zu seinen Ruf als konservativem SVPler beitragen. Kann jemand, der so klar auf SVP – Linie politisiert ein Stapi für Alle sein? Ja, findet Patrick Freudiger. Seine eigenen Ansichten will er nicht verleugnen und auch nicht so tun, als wäre er jetzt plötzlich parteilos - aber er will zuhören – mit einer ehrlichen Offenheit und der Bereitschaft, die eigene Meinung anzupassen, wenn ihn Argumente überzeugen. Dabei will er es vermeiden, die Menschen mit leeren Floskeln abzuspeisen, von denen sie letztendlich nicht viel haben, sondern Lösungen erstreiten – Lösungen, die auch überparteilich abgestützt sind. In der Vergangenheit ist ihm das schon gelungen. In Langenthal erarbeitete er gemeinsam mit Reto Müller und Michael Schär an einer Spezialfinanzierung, die es ermöglichen soll, wichtige Investitionen zu tätigen. «Das war nicht die Lösung, die ich am Anfang im Kopf hatte – aber am Ende war es eben die bessere Lösung.» Und das ist, laut ihm, schlussendlich die Aufgabe eines Stapis: Nicht einfach das eigene Parteiprogramm durchdrücken, sondern einen Kompromiss finden, den auch diejenigen mittragen, die ihn nicht gewählt haben.

Mit Menschen zusammenarbeiten, die politisch nicht mit ihm einer Meinung sind – diese Erfahrung macht Patrick Freudiger inzwischen auf der kantonalen Ebene als Präsident der mächtigen Finanzkommission. 17 Menschen aus verschiedenen Parteien, alle mit verschiedenen Hintergründen und Meinungen, arbeiten in dieser Kommission – auch hier sieht es Freudiger als seine Aufgabe, dass sich alle gehört fühlen. Es war auch – unter anderem – die Arbeit in dieser Kommission, dieses konstruktive Ringen um Lösungen – die ihn motivierte für den Gemeinderat zu kandidieren, in der Hoffnung, hier dieselbe Erfüllung zu finden, was schlussendlich auch zutraf.

Als Führungsperson will er in erster Linie ein Vorbild sein und so sattelfest in den Dossiers, dass er das, was er verlangt, auch einschätzen kann. Und Loyalität ist ihm wichtig. Nicht nur die Loyalität der Mitarbeitenden ihm gegenüber, sondern auch die, die er wiederum ihnen schuldet. «Wenn ein Fehler passiert, dann muss ich als Chef dafür geradestehen und nicht die Verwaltungsmitarbeiter vorschieben.» Wer Veränderungen anstosse, muss auch damit rechnen, dass nicht von Anfang an alles perfekt läuft.

Und Veränderungen möchte er anstossen in Langenthal, der Stadt, die er selbst nie verlassen hat, weil er, wie er selbst sagt, hier immer alles hatte, was er brauchte. Langenthal muss sein Potential mehr nutzen, ist Freudiger überzeugt, die brachliegenden Areale wie beispielsweise die Alte Mühle, sind für ihn Perlen im Staub. Die Sanierung des Eisstadions ist ihm ebenfalls ein wichtiges Anliegen, genau wie ein besserer Austausch mit der Bevölkerung. Er will anpacken. «Das Falscheste ist immer, nichts zu tun.»

Spricht Patrick Freudiger über seine Pläne, fällt auf, wie konkret er ist, wie sehr er Details umreissen kann und wie schnell er Lösungen präsentieren kann. Mit blumigen Wahlversprechen hält er sich zurück und statt auf Floskeln zurückzugreifen, will er die Themen lieber durchdiskutieren, egal wie sensibel das Thema auch sein mag - fast ist es, als könne der leidenschaftliche Anwalt gar nicht anders, als alles von jeder Seite ausgiebig zu beleuchten. Noch immer kann er, wie in jüngeren Jahren, die Argumente seiner Gegner:innen sezieren und auseinandernehmen, gleichzeitig blitzt dabei auch immer wieder der Humor hervor - als würde er sich dann selbst doch nicht immer ganz so bierernst nehmen, wie es auf den ersten Blick scheint.

Auffallend ist sein Faible für Zitate – vielleicht geboren aus seiner Liebe und seinem Interesse für Geschichte, die ihn beinahe dazu bewogen hat, Historiker zu werden, bevor er sich dann doch für das Jurastudium entschied. Eines seiner Lieblingszitate stammt von Bertolt Brecht: «Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren.» Jetzt entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet ein SVPler den kommunistischen Brecht zitiert, an Kampfgeist mangelt es Patrick Freudig allerdings wirklich nicht. Auch nicht, wenn es ihn selbst betrifft: Vom Militärdienst sollte er aufgrund seiner zierlichen Statur ausgeschlossen werden. Er wehrte sich erfolgreich dagegen, machte sein Sportabzeichen, durchlebte als handwerklich eher ungeschickter Gymnasiast dann eine eher schwere Zeit im Militär, die ihm körperlich viel abverlangte– abbrechen kam trotzdem nicht in Frage.

Patrick Freudiger vollzog mehrere Wandel: Vom provokanten Jungspund, der am Rednerpult verbale Ohrfeigen verteilte, zum allseits geschätzten Stadtratspräsidenten, der ruhig und präzise durch die Sitzungen führte, vom unauffälligem Grossrat in der Justizkommission zum Präsidenten der Finanzkommission, vom aufsässigen Parlamentarier zum verbindlichen Gemeinderat, vom politischen Talent, das nicht auf die Karte Politik setzen wollte zum Stapi - Kandidat – und doch hat er sich dabei nie verbogen, nie einen Hehl aus den eigenen Positionen gemacht und ist sich am Ende immer treu geblieben.

Ein Anwalt für Langenthal möchte er sein – ob das Volk seine Dienste in Anspruch nehmen will, wird sich am 30. August herausstellen.





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