Bild: Leroy Ryser
Dass die Bürgerlichen sich ihn
als Stadtpräsidiumskandidaten wünschen, war ein offenes Geheimnis. Als
langjähriger Stadtrat, jetziger Gemeinderat und Grossrat hat Patrick Freudiger
alles in seinem politischen Rucksack, was man sich nur wünschen kann. Die Frage
war mehr, ob er es überhaupt will, denn Patrick Freudigers Prioritäten lagen
nie in der Politik, sondern im Beruf und bei seiner Familie. Politik, so sagt
er selbst, war für ihn lange ein spannendes Hobby, das er durchaus erfolgreich
betrieb, in dem er aber nie den Ehrgeiz entwickelte, sich in die Höhe zu
schwingen. Und doch, entschied er sich schliesslich im Oktober, dem Wunsch der
Findungskommission zu folgen und die Kandidatur zu wagen – unter der Bedingung,
dass die Bürgerlichen geschlossen auftreten, denn die SP ist in Langenthal ein
starker Gegner.
In Patrick Freudiger werden hohe
Erwartungen gesetzt: Er ist beliebt und bekannt, im Ranking der bestgewählten
Stadträt:innen landete er mehrmals hintereinander auf dem ersten Platz. In
seinem Unterstützungskomitee sind nicht nur bekannte Politiker:innen und die
grossen CEOs von Langenthals Unternehmen zu finden. Das sei schon auch mit
Druck verbunden, erklärt Patrick Freudiger, von ihm werde erwartet, dass er
liefert – nicht nur im Wahlkampf, sondern auch im Falle einer Wahl.
Gleichzeitig motiviert es ihn, eben genau diese neuen Impulse und Veränderungen
anzustossen, die von bürgerlicher Seite herbeigesehnt werden.
Mit der Kandidatur verstärkte er
auch seinen Auftritt auf Social Media. Deren Plattformen hat Patrick Freudiger
bis jetzt eher gemieden – ab und zu nutzte er sein Facebookprofil, aber
höchstens, um mal eine Kolumne zu veröffentlichen oder um auf einen politischen
Erfolg aufmerksam zu machen. Für den Wahlkampf hat er sich jetzt Instagram
eingerichtet, allerdings nicht, um jetzt sein ganzes Leben in die
Öffentlichkeit zu zerren und sich zu inszenieren, wie er betont. Die Familie,
vor allem seine beiden Kinder, will er möglichst raus halten.
Selbstinszenierung war nie sein
Steckenpferd – aber als Stadtpräsident muss das ja auch nicht zwingend sein.
Klar ist aber, dass Patrick Freudiger seinen Beruf aufgeben müsste: Das
Stadtpräsidium ist das einzige politische Vollamt in Langenthal. Freudiger ist
selbstständiger Anwalt mit Niederlassungen in Bern und in Langenthal. Er liebt
seinen Beruf und ist stolz auf das, was er aufgebaut hat. Es ist auch nicht das
erste Mal, dass seine politische Laufbahn mit der beruflichen Karriere
kollidiert. Als er 2014 überraschend in den Grossrat gewählt wurde, gab er
seine damalige Stelle am Verwaltungsgericht auf, auch aus der Überzeugung
heraus, dass, wer zu einer Kandidatur «Ja» sagt, auch bei einer Wahl dazu
stehen muss.
Zwischen einem Stapi und einem
Anwalt sieht Freudiger deutliche Parallelen. «Als Stadtpräsident ist man
gewissermassen der Anwalt seiner Stadt und versucht, das Beste für sie
herauszuholen.» Und als Stadtpräsident und Grossrat sei er nicht wie ein Advokat
dazu verdammt, einfach nur die gegebenen Spielräume auszuloten – er könne diese
Räume selbst gestalten. Und dazu hat er Lust, eine Lust, die auch durch sein
Gemeinderatsamt entfacht wurde, eine Arbeit, die er als angenehm und
konstruktiv bezeichnet.
Im Parlament gehörte er oft zu
den grössten Kritikern der Exekutive und nahm dabei nie ein Blatt vor den Mund.
Heute sieht er naturgemäss mehr hinter die Kulissen - und sieht wie absorbiert
die Verwaltungsangestellten schon vom alltäglichen Tagesgeschäft sind und dass
die Ressourcen aufgrund der vielen offenen Stellen beschränkt sind. In seinem
Wahlprogramm fordert Patrick Freudiger konkret einen besseren Dialog zwischen
Gemeinderat und Stadtrat, aber auch zwischen der Politik und der Bevölkerung,
die Gremien würden sich zu sehr mit sich selbst beschäftigen.
Den Schlüssel für diese
Problematik sieht Patrick Freudiger vor allem in einem früheren Einbezug –
sowohl die Bevölkerung als auch das Parlament muss seiner Meinung nach früher
zu Wort kommen, wenn es um wichtige Entscheidungen und grosse Projekte geht. Öffentliche
Mitwirkungen sind für ihn ein gutes Mittel, die Meinung der Bevölkerung
abzuholen – wie wichtig das sei, zeige das Kindergartendebakel von 2023. Auch
die Bedürfnisse des Stadtrats sieht Freudiger nach wie vor – auch wenn er
selbst dem Gremium inzwischen nicht mehr angehört – und will nicht dieselben
Fehler machen, die er als Stadtrat kritisiert hat. Den Ruf des Parlaments nach
mehr Mitsprache nimmt er ernst, macht aber auch klar, dass die Lösung
schlussendlich aus dem Stadtrat kommen muss – und nicht von der Exekutive
diktiert werden darf.
Das Parlament – es hat Patrick
Freudiger geprägt, fast 20 Jahre war er Mitglied des Stadtrats. Die Politik
wurde ihm gewissermassen in die Wiege gelegt, bereits sein Vater war
Stadtratspräsident der SVP. Daher wundert es nicht, dass Patrick Freudiger schon
als Kind mit politischen Themen in Berührung kam. Dabei hat er sich aber nie
indoktriniert oder unter Druck gesetzt gefühlt, er hatte den Freiraum seine
eigenen politischen Ansätze zu entwickeln. Und das tat er, wiederum sehr jung:
Bereits mit 15 Jahren hielt er seine 1. August – Rede.
Dass Jugendliche sich anfangen
für Politik zu interessieren ist nicht ungewöhnlich, ungewöhnlich ist aber, wie
konkret und detailbetont Patrick Freudiger schon damals war: Die Rede drehte
sich um die Fremdbestimmung durch die EU, Nato und UNO – Begriffe, mit denen
nicht alle Fünfzehnjährigen etwas anfangen können. Eckte das bei seinen
Schulkameraden nicht an? Nicht wirklich, findet er. Damals seien in der Schule
politische Themen eher stiefmütterlich oder gar nicht behandelt worden,
Staatskunde blieb eher theoretisch und so kam es auch unter den Schüler: innen
kaum zu grossen Debatten. Wohl ist er auch mal ein bisschen auf den Arm
genommen worden, weil seine Kamerad:innen sein politisches Engagement als
speziell empfanden, aber im Großen und Ganzen hat es viele schlichtweg nicht
interessiert.
Ins politische Rampenlicht trat
Patrick Freudiger dann endgültig im Minarett – Streit, der 2009 im
schweizweiten Minarettverbot endete. Freudiger war Mitglied des
Initiativkomitees «Für ein Minarettverbot» und kämpfte später im Stadtrat
dafür, dass der Langenthaler Gemeinderat die Islamische Glaubensgemeinschaft
auffordert, ihr damals hängiges Baugesuch für ein Minarett, zurückzuziehen. Das
sorgte für Aufmerksamkeit, Patrick Freudiger wurde in vielen Zeitungsberichten
zitiert, erwähnt, porträtiert und kritisiert – es schreckte ihn nicht ab,
weiterhin seine Meinung in dieser Sache zu vertreten, auch wenn er damit
irritierte. Blickt er heute auf die vergangene Debatte zurück, findet er zwar,
dass im Abstimmungskampf sicher zu viel Polemik aufgekommen ist, dennoch sei es
wichtig gewesen, diese Auseinandersetzung zu führen. «Zum ersten Mal wurde in
der Schweiz über gesellschaftlich religiöse Themen diskutiert», so Freudiger,
vorher habe man das – gerade im Bezug auf den Islam – eher vermieden. Und auch
bei ihm selbst hat damals ein Prozess eingesetzt. «Ich wurde von Moslems
gefragt: Was ist denn diese Leitkultur, von dem ihr redet?» Das hat ihn zum
Nachdenken gebracht, denn wer Integration fordert, muss auch definieren, wie
diese Integration auszusehen hat.
Das
Thema hatte auch noch eine weitere Auswirkung auf sein Leben: Er lernte dadurch
seine Frau kennen. Ihr erstes Treffen fand statt, weil sie eine Arbeit zu Glaubensfragen
verfasste und deshalb einige Fragen an ihn hatte. Über seine Frau sagt er
heute, dass sie ihm in Sachen diskutieren einiges beigebracht hat, etwa, dass
Schweigen nicht zwingend Zustimmung bedeutet und dass überreden nicht dasselbe
ist, wie überzeugen.
Einsichten, die vielleicht auch
einen gewissen Einfluss auf Freudigers Politstil hatten. Als junger Stadtrat
provozierte er gerne mit scharfen Voten – auch um sich innerhalb der eigenen
Partei zu beweisen, denn in der Fraktion war er damals weitaus der Jüngste. Wie
viele, die jung zu politisieren beginnen, schlug er dabei auch mal verbal über
die Stränge. Mit den Jahren und der Erfahrung verflog diese Lust an der
Provokation. Sachpolitische Lösungen und Kompromisse mit Substanz zu finden –
das gefällt Patrick Freudiger inzwischen besser als das Poltern am Rednerpult.
Patrick Freudiger ist eloquent,
legt Wert auf eine gute Ausdrucksweise und auf einen höflichen, respektvollen
Umgang, spricht man über ihn, wird er als durch und durch freundlich
beschrieben und als jemand, der seinem Gegenüber auf Augenhöhe begegnet. Wie
passt das aber zusammen mit seinem früheren Engagement im Egerkinger Komitee,
das eher durch fragwürdige polemische Aktionen auf sich aufmerksam macht und
weniger mit konstruktiven Lösungsansätzen, die er selbst anstreben will? In das
Komitee reingekommen ist er durch das Minarettverbot, geblieben ist er in einer
beratenden Funktion, schlussendlich hat er die Mitgliedschaft aufgegeben, auch
weil seine Zeit es nicht mehr zulässt. Intern hat er, nach eigener Aussage,
auch Kritik geäussert, wenn ihm die Aktionen zu weit gingen.
Es ist dieses frühere Engagement,
als auch seine Tätigkeit als Kolumnist bei der «Schweizerzeit», einer
nationalkonservativen Zeitschrift, die zu seinen Ruf als konservativem SVPler
beitragen. Kann jemand, der so klar auf SVP – Linie politisiert ein Stapi für
Alle sein? Ja, findet Patrick Freudiger. Seine eigenen Ansichten will er nicht
verleugnen und auch nicht so tun, als wäre er jetzt plötzlich parteilos - aber
er will zuhören – mit einer ehrlichen Offenheit und der Bereitschaft, die
eigene Meinung anzupassen, wenn ihn Argumente überzeugen. Dabei will er es
vermeiden, die Menschen mit leeren Floskeln abzuspeisen, von denen sie
letztendlich nicht viel haben, sondern Lösungen erstreiten – Lösungen, die auch
überparteilich abgestützt sind. In der Vergangenheit ist ihm das schon
gelungen. In Langenthal erarbeitete er gemeinsam mit Reto Müller und Michael Schär
an einer Spezialfinanzierung, die es ermöglichen soll, wichtige Investitionen
zu tätigen. «Das war nicht die Lösung, die ich am Anfang im Kopf hatte – aber
am Ende war es eben die bessere Lösung.» Und das ist, laut ihm, schlussendlich
die Aufgabe eines Stapis: Nicht einfach das eigene Parteiprogramm durchdrücken,
sondern einen Kompromiss finden, den auch diejenigen mittragen, die ihn nicht
gewählt haben.
Mit Menschen zusammenarbeiten,
die politisch nicht mit ihm einer Meinung sind – diese Erfahrung macht Patrick
Freudiger inzwischen auf der kantonalen Ebene als Präsident der mächtigen
Finanzkommission. 17 Menschen aus verschiedenen Parteien, alle mit verschiedenen
Hintergründen und Meinungen, arbeiten in dieser Kommission – auch hier sieht es
Freudiger als seine Aufgabe, dass sich alle gehört fühlen. Es war auch – unter
anderem – die Arbeit in dieser Kommission, dieses konstruktive Ringen um
Lösungen – die ihn motivierte für den Gemeinderat zu kandidieren, in der
Hoffnung, hier dieselbe Erfüllung zu finden, was schlussendlich auch zutraf.
Als Führungsperson will er in
erster Linie ein Vorbild sein und so sattelfest in den Dossiers, dass er das,
was er verlangt, auch einschätzen kann. Und Loyalität ist ihm wichtig. Nicht
nur die Loyalität der Mitarbeitenden ihm gegenüber, sondern auch die, die er
wiederum ihnen schuldet. «Wenn ein Fehler passiert, dann muss ich als Chef
dafür geradestehen und nicht die Verwaltungsmitarbeiter vorschieben.» Wer
Veränderungen anstosse, muss auch damit rechnen, dass nicht von Anfang an alles
perfekt läuft.
Und Veränderungen möchte er
anstossen in Langenthal, der Stadt, die er selbst nie verlassen hat, weil er,
wie er selbst sagt, hier immer alles hatte, was er brauchte. Langenthal muss
sein Potential mehr nutzen, ist Freudiger überzeugt, die brachliegenden Areale
wie beispielsweise die Alte Mühle, sind für ihn Perlen im Staub. Die Sanierung
des Eisstadions ist ihm ebenfalls ein wichtiges Anliegen, genau wie ein
besserer Austausch mit der Bevölkerung. Er will anpacken. «Das Falscheste ist
immer, nichts zu tun.»
Spricht Patrick Freudiger über
seine Pläne, fällt auf, wie konkret er ist, wie sehr er Details umreissen kann
und wie schnell er Lösungen präsentieren kann. Mit blumigen Wahlversprechen
hält er sich zurück und statt auf Floskeln zurückzugreifen, will er die Themen
lieber durchdiskutieren, egal wie sensibel das Thema auch sein mag - fast ist
es, als könne der leidenschaftliche Anwalt gar nicht anders, als alles von
jeder Seite ausgiebig zu beleuchten. Noch immer kann er, wie in jüngeren
Jahren, die Argumente seiner Gegner:innen sezieren und auseinandernehmen,
gleichzeitig blitzt dabei auch immer wieder der Humor hervor - als würde er
sich dann selbst doch nicht immer ganz so bierernst nehmen, wie es auf den
ersten Blick scheint.
Auffallend ist sein Faible für
Zitate – vielleicht geboren aus seiner Liebe und seinem Interesse für
Geschichte, die ihn beinahe dazu bewogen hat, Historiker zu werden, bevor er
sich dann doch für das Jurastudium entschied. Eines seiner Lieblingszitate stammt
von Bertolt Brecht: «Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon
verloren.» Jetzt entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet ein
SVPler den kommunistischen Brecht zitiert, an Kampfgeist mangelt es Patrick
Freudig allerdings wirklich nicht. Auch nicht, wenn es ihn selbst betrifft: Vom
Militärdienst sollte er aufgrund seiner zierlichen Statur ausgeschlossen
werden. Er wehrte sich erfolgreich dagegen, machte sein Sportabzeichen, durchlebte
als handwerklich eher ungeschickter Gymnasiast dann eine eher schwere Zeit im
Militär, die ihm körperlich viel abverlangte– abbrechen kam trotzdem nicht in
Frage.
Patrick Freudiger vollzog mehrere
Wandel: Vom provokanten Jungspund, der am Rednerpult verbale Ohrfeigen
verteilte, zum allseits geschätzten Stadtratspräsidenten, der ruhig und präzise
durch die Sitzungen führte, vom unauffälligem Grossrat in der Justizkommission
zum Präsidenten der Finanzkommission, vom aufsässigen Parlamentarier zum
verbindlichen Gemeinderat, vom politischen Talent, das nicht auf die Karte
Politik setzen wollte zum Stapi - Kandidat – und doch hat er sich dabei nie
verbogen, nie einen Hehl aus den eigenen Positionen gemacht und ist sich am
Ende immer treu geblieben.
Ein Anwalt für Langenthal möchte
er sein – ob das Volk seine Dienste in Anspruch nehmen will, wird sich am 30.
August herausstellen.

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