Mittwoch, 5. August 2026

Wer ist Roland Loser?

 




Obwohl es den Anschein hat, als hätten sich nicht nur die vereinten bürgerlichen Parteien, FDP und SVP, sondern auch noch gleich die gesamte Wirtschaftselite von Langenthal hinter dem bürgerlichen Kandidat Patrick Freudiger gestellt (wahrscheinlich um das kollektive Trauma einer Stadt unter roter Fittiche zu verarbeiten) und es rotgrün nicht gelungen ist, die GLP mit ins Boot zu holen, versteht sich der Kandidat der Linken, Roland Loser, nicht als Underdog. Zwar trifft er Leute, die ihm zu verstehen geben, dass sie ihm wenig, bis gar keine Chancen gegen seinen Gegner einräumen, aber er erlebt auch die gegenteiligen Reaktionen, Menschen, die ihm spontan auf der Strasse ihre Unterstützung versichern und auch aktiv nach Wahlwerbung fragen, etwa nach Buttons und T – Shirts. Was ihn besonders freut: Es sind viele junge Wählende dabei.

Roland Loser verzichtete im Gegensatz zu Patrick Freudiger auf eine grosse Pressekonferenz, um seine Kandidatur offiziell zu verkünden und setzte stattdessen auf ein schlicht gehaltenes Social Media Video und die klassischen Pressemeldungen. Das sieht er eher als praktischen Entscheid und weniger als bewusstes Understatement, Interviews hält er für wesentlich gehaltvoller als «ein paar salbungsvolle Worte bei einer Pressekonferenz» und ohnehin ist er niemand, der den grossen Aufritt und das Brimborium sonderlich liebt.

Man kennt Roland Loser als leidenschaftlichen und ausgelassenen Fasnächtler (der seinen ersten Auftritt als Gemeinderat beim Fasnachtsfischen sichtlich genoss und dazu nutzte, den damaligen Stapi Reto Müller Konfetti ins Gesicht zu schmeissen), als regelmässigen Besucher des Wuhrplatzfests, als Feiernden beim Street Festival. Dazu passt, dass er im Zentrum nur ein paar Schritte vom Trubel entfernt lebt – und praktischerweise zwischendurch nachhause gehen kann, wenn es ihm dann doch zu viel wird, wie er schmunzelnd bemerkt. Er ist gerne unter den Leuten, beschreibt sich aber zugleich als jemand. der erst einmal abwartet, bevor er auf andere zugeht. Ist das, im Kampf um den Stapi – Thron und auch bei einer allfällig späteren Ausübung des Amtes, nicht ein Nachteil? Laut Roland Loser nicht zwingend. Seit er sein Amt als Gemeinderat anfangs 2026 angetreten hat, erlebt er, dass die Menschen ohne Scheu von selbst auf ihn zukommen, die Kontaktaufnahme ist leichter geworden. Als Stapi würde sich dieser Effekt noch kumulieren.

Aber egal ob man jetzt introvertiert oder extrovertiert ist, schlussendlich ist ein Wahlkampf, der fast ausschliesslich auf die eigene Person abgestützt ist, immer kräftezehrend. Dass er als einzig verbliebener SP – Gemeinderat einer der Wunschkanidat:innen seiner Partei ist, war klar.  Roland Loser liess sich Zeit mit seiner Entscheidung, zumal bereits die Kandidatur Auswirkungen auf sein Berufsleben hat. Er ist Informatiker und Abteilungsleiter bei der Glue AG, möglich, dass sich Kund:innen abgeschreckt fühlen, bei dem Gedanken, dass der zuständige Projektleiter möglicherweise bald nicht mehr zur Verfügung steht. Schlussendlich erklärte er sich dann aber bereit für die SP in den Ring zu steigen. Die neue Herausforderung reizte ihn. «Und nach 30 Jahren im gleiche Beruf am gleichen Ort ist es vielleicht doch mal Zeit für einen Wechsel – und für mich vielleicht die letzte Chance, noch etwas anderes zu machen.»

Beständigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch Roland Losers Biografie. Er ist nicht nur seinem Arbeitgeber überdurchschnittlich lange treu geblieben, er ist mindestens ebenso lange Tambourmajor bei den «Flötenmadli» und hat Langenthal nie den Rücken gekehrt. Seine Eltern zogen von der Ostschweiz nach Langenthal, damit der Vater eine Stelle bei Guggelmann antreten konnte – der Niedergang des Texilindustrie machte sie zu «Wirtschaftsflüchtlingen im eigenen Land», wie Roland Loser bei seiner 1. Mai Rede erzählte. Und so wuchs er hier auf, ein eher scheues Kind, das es aufgrund seiner raschen Auffassungsgabe aber den Übertritt in die SEK und später ans Gymnasium schaffte. Im Studium war er «nicht der grosse Überflieger», wie er selbstkritisch feststellt und die Arbeit an seiner Masterarbeit war ein 2 Jahre lang andauernden Kampf. Aber er hat sich festgebissen, durchgehalten und das Studium am Ende erfolgreich abgeschlossen.

Etwas durchziehen, auch wenn es schmerzhaft und mühsam wird, mit Drucksituationen umgehen, nicht aufgeben – Fähigkeiten, die sich Roland Loser wohl auch im Leistungssport angeeignet hat. Er galt als Leichtathletiktalent und wurde entsprechend gefördert. Der Sport gab ihm Bestätigung und stärkte das Selbstbewusstsein des schüchternen Jugendlichen, doch er lernte auch früh die Schattenseiten kennen. Die ständige Angst «nur» zweiter zu werden, das ständige an die eigenen Grenzen gehen und noch darüber hinaus,  der Druck, den körperlichen Anforderungen gerecht zu werden – schlussendlich entschied er sich gegen die Sportlerlaufbahn. Heute absolviert er sein Sportpensum am liebsten auf dem Fahrrad, mit dem er weite Touren unternimmt und die Welt erkundet.

Sportzuschauer ist er nach wie vor. Roland Loster ist unter anderem YB – Fan, eine Leidenschaft, die er mit seinen Söhnen teilt. Er schwärmt von den Emotionen, die ein Match auslösen kann, von der Energie, die sich freisetzt und von der Verbundenheit, die entsteht. Auch Langenthal erlebte das – mit dem FCL, aber auch mit dem SCL. Dessen erworbenen Meistertitel und die damit verbundenen Feiern sind für ihn schöne Erinnerungen an eine Zeit, in der in Langenthal alles möglich schien.

Dieses Aufbruchsgefühl vermisst Roland Loser inzwischen in seiner Heimatstadt.  Schlechte Stimmung habe sich breit gemacht und das habe fatale Auswirkungen, so Loser. Als Stadtrat kämpfte er stets dafür, trotz der angespannten finanziellen Lage, nicht alles kaputt zu sparen und nicht nur den tiefen Steuersatz in den Mittelpunkt zu stellen. «Wir geben nicht zu viel aus, wir nehmen zu wenig ein», wurde Losers Mantra, an dem er noch immer festhält. Damals, nach dem unerwarteten Segen der Onyx Millionen, habe man den Menschen etwas zurückgeben wollen, in Form von Steuersenkungen und so sei man bewusst in ein Defizit gegangen – mit dem Resultat, dass der Eindruck entstand, den Finanzen in Langenthal gehe es besonders schlecht, so Loser, das habe eine Negativspirale ausgelöst, die jetzt alles mit sich reisst.

Es ist diese negative Grundstimmung, die Roland Loser zu schaffen macht. Dass beispielsweise die dringend notwendigen Kindergartensanierungen vom Volk abgelehnt wurden, daran hat er immer noch zu knabbern, auch weil er sich dem Gedanken nicht erwehren kann, dass die Ablehnung zum Teil aus Trotz zustande kam. Kurz zuvor war der Traum eines neuen Eisstadions geplatzt, was viele erzürnt und enttäuscht hat – vielleicht legten auch deshalb viele ein «Nein» in die Urne, um ihren Protest deutlich zu machen. Die Solidarität untereinander hat gelitten. «Wenn mein Herzensprojekt nicht umgesetzt wird, dann sollen die anderen ihres auch nicht haben», fasst Roland Loser die Stimmung im Volk zusammen. Diese Entwicklung beschäftigt ihn sichtlich.

Für ihn als überzeugten Langenthaler hat es auch mit Stolz zu tun, den Anspruch zu haben, zu investieren – beispielsweise in Bauten, die mehr sind als nur seelenlose Kästen. Die letzte Generation habe den Willen gehabt, uns eine schöne Stadt zu hinterlassen, so Loser und spricht vom Choufhüsi, vom Stadttheater, dem Kreuzfeldareal – alles Orte, die noch heute eine Aura verströmen und der Stadt ein einzigartiges Antlitz verleihen. Losers Horrorvorstellung ist eine Stadt, in der sich die Jugend nur noch vor dem McDonalds trifft und das Leben zum Erliegen gekommen ist.

Für eine lebendige Stadt – dafür kämpfte Roland Loser auch zehn Jahre im Stadtrat. Wenn er an seine Anfänge zurückdenkt, erinnert er sich vor allem an den Enthusiasmus, den er damals verspürt hat. «Ich hatte schon den Anspruch die Welt zu verändern», stellt er heute schmunzelnd fest. Doch wie so viele vor ihm, musste er feststellen, dass auch ein beherztes Votum am Rednerpult die schon im Voraus festgefahrenen Meinungen nicht aufzubrechen vermag.

Sein Stadtratsmandat war es, das ihn in die SP trug. Ursprünglich kandidierte als Parteiloser für die SP, dann rutschte er in den Stadtrat nach, trat infolgedessen in die Partei ein und übernahm bald verschiedene Schlüsselämter. Roland Loser war Fraktionspräsident, Co – Parteipräsident und Mitglied der GPK, durchlebte mit der SP Triumphe aber auch Niederlagen. Das Politisieren als SPler ist nicht immer einfach – in Langenthal ist man oft in einer Minderheitenposition und im bürgerlichen Umfeld muss man sich, laut Loser, viel erklären, und sei angreifbarer. Innerhalb der Partei verortet er sich eher beim sozialliberalen Flügel («laut Smartvote bin ich aber ultralinks»), mit Blick auf die blutigen Revolutionen der Vergangenheit, kann er wenig anfangen mit Begriffen wie «Klassenkampf» und auch das nostalgische Festhalten der SP an alten Gepflogenheiten, wie etwa die Bezeichnung «Genoss:innen» sieht er skeptisch. Er steht für eine pragmatische und moderne SP, die sich mit aktuellen Themen beschäftigt.

Über Roland Loser wird oft gesagt, er sei harmoniebedürftig. Bis zu einem bestimmten Grad stimme das, bestätigt er im Gespräch, ihm sei es oft ein instinktives Bedürfnis in einer Diskussion Verständnis für beide Seiten einzubringen – gerade dann, wenn er das Gefühl hat, die Sichtweise einer Partei käme zu kurz oder werde zu sehr abgeschmettert. Zugleich ist da eine andere, temperamentvolle Seite. Als beispielsweise im Stadtrat diskutiert wurde, ob in der Alten Mühle ein Familienzentrum entstehen soll und sich abzeichnete, dass das Geschäft zurückgewiesen wird, wurde er sehr deutlich und forderte die Bürgerlichen in seinem Votum auf, sie sollen doch einfach sagen, dass sie das Zentrum nicht wollen, das sei ehrlicher. Diese sehr unverblümte Art stiess manchen vor den Kopf. Dieser Ausbruch spiegelte Rolands Loser Unwillen wider, sich auf politische Spiele einzulassen, Taktieren liegt ihm nicht sonderlich, er mag es lieber, Dinge direkt anzusprechen und pragmatisch anzugehen. 

Roland Loser ist frisch gebackener Gemeinderat, Führungserfahrung hat er als Mitglied der Geschäftsleitung bei der Glue schon reichlich gesammelt. Sein Führungsstil beruht auf Vertrauen, er glaubt an die Fähigkeiten seiner Mitarbeitenden und hält nicht viel davon, ihnen dauernd auf die Pelle zu rücken und über die Schulter zu schauen. Vertrauen – das ist etwas, das er im Zusammenspiel der Behörden in Langenthal aktuell vermisst, zugleich fehle es der Bevölkerung oft an Vertrauen in die Politik. Als Stapi wäre das ein Ziel von ihm: Das Klima verbessern und wieder Vertrauen untereinander schaffen.

Als linker Stapi bewegt man sich in einem Spannungsfeld zwischen den Erwartungen der eigenen Partei und den Spieleraum, der einem eine bürgerliche Stadt bietet. Dass er keine utopischen linken Szenarien versprechen kann, ist Roland Loser bewusst und er vermeidet es sorgfältig, allzu grosse Erwartungen zu wecken. Und doch steckt ein Visionär in ihm, wenn er Langenthal schildert, wie es unter ihn aussehen könnte: Ein schönes Langenthal, in der die Menschen zusammengebracht werden, Sportclubs nicht an ihrer Infrastruktur verzweifeln und Kultur ihren festen Platz hat.

Die Sehnsucht nach einem lebendigen Langenthal, in dem alte Konflikte begraben werden und neues entstehen kann – das scheint ein grosser Antrieb für Roland Loser zu sein, der viele Gegensätze in sich vereint. Der Visionär, der die Beständigkeit sucht, der Introvertierte, der sich dann doch wieder exponiert, der Ruhige, der auch mal laut werden kann, wenn Ungerechtigkeit ihn fuchst, der Friedliebende, der aus Freude an der Debatte  dann aber auch gerne in Gesprächsrunden eine kontroverse Meinung droppt (etwa, wenn er sehr leidenschaftlich und präzise ausführt, wieso Züri West Lieder viel besser als die honigtriefenden Songs von Patent Ochsner sind) und der auch sagt: «Manchmal ist ein Kompromiss einfach schlecht und dann macht es für mich keinen Sinn darauf einzugehen.»

Er ist ein Kulturliebhaber und Sportmensch, der darunter leidet, dass es gerade bei diesen Themen immer um Kosten geht und nicht um die positiven Aspekte, ein Mensch, der sich auf dem glatten politischen Parkett nicht immer ganz so wohlzufühlen scheint und sich vom Gemeinderat mehr Nahbarkeit wünscht und dafür beispielsweise gemeinsame Essen in verschiedenen lokalen Restaurants vorschlägt – einfache direkte Lösungen statt komplizierte Umwege. Sein Wahlsujet ist an das berühmte Obama Plakat angelehnt, auch der Slogan «Langenthal kann mehr», erinnert an das berühmte «Yes, we can.» Gross träumen für und in Langenthal – Rolands Motto für diesen Wahlkampf ist klar. Ob er diese Träume als Stapi in die Tat umsetzen kann, entscheidet das Stimmvolk am 30. August.

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