Donnerstag, 6. August 2026

Wer ist Patrick Freudiger?

 




Bild: Leroy Ryser

Dass die Bürgerlichen sich ihn als Stadtpräsidiumskandidaten wünschen, war ein offenes Geheimnis. Als langjähriger Stadtrat, jetziger Gemeinderat und Grossrat hat Patrick Freudiger alles in seinem politischen Rucksack, was man sich nur wünschen kann. Die Frage war mehr, ob er es überhaupt will, denn Patrick Freudigers Prioritäten lagen nie in der Politik, sondern im Beruf und bei seiner Familie. Politik, so sagt er selbst, war für ihn lange ein spannendes Hobby, das er durchaus erfolgreich betrieb, in dem er aber nie den Ehrgeiz entwickelte, sich in die Höhe zu schwingen. Und doch, entschied er sich schliesslich im Oktober, dem Wunsch der Findungskommission zu folgen und die Kandidatur zu wagen – unter der Bedingung, dass die Bürgerlichen geschlossen auftreten, denn die SP ist in Langenthal ein starker Gegner.

In Patrick Freudiger werden hohe Erwartungen gesetzt: Er ist beliebt und bekannt, im Ranking der bestgewählten Stadträt:innen landete er mehrmals hintereinander auf dem ersten Platz. In seinem Unterstützungskomitee sind nicht nur bekannte Politiker:innen und die grossen CEOs von Langenthals Unternehmen zu finden. Das sei schon auch mit Druck verbunden, erklärt Patrick Freudiger, von ihm werde erwartet, dass er liefert – nicht nur im Wahlkampf, sondern auch im Falle einer Wahl. Gleichzeitig motiviert es ihn, eben genau diese neuen Impulse und Veränderungen anzustossen, die von bürgerlicher Seite herbeigesehnt werden.

Mit der Kandidatur verstärkte er auch seinen Auftritt auf Social Media. Deren Plattformen hat Patrick Freudiger bis jetzt eher gemieden – ab und zu nutzte er sein Facebookprofil, aber höchstens, um mal eine Kolumne zu veröffentlichen oder um auf einen politischen Erfolg aufmerksam zu machen. Für den Wahlkampf hat er sich jetzt Instagram eingerichtet, allerdings nicht, um jetzt sein ganzes Leben in die Öffentlichkeit zu zerren und sich zu inszenieren, wie er betont. Die Familie, vor allem seine beiden Kinder, will er möglichst raus halten.

Selbstinszenierung war nie sein Steckenpferd – aber als Stadtpräsident muss das ja auch nicht zwingend sein. Klar ist aber, dass Patrick Freudiger seinen Beruf aufgeben müsste: Das Stadtpräsidium ist das einzige politische Vollamt in Langenthal. Freudiger ist selbstständiger Anwalt mit Niederlassungen in Bern und in Langenthal. Er liebt seinen Beruf und ist stolz auf das, was er aufgebaut hat. Es ist auch nicht das erste Mal, dass seine politische Laufbahn mit der beruflichen Karriere kollidiert. Als er 2014 überraschend in den Grossrat gewählt wurde, gab er seine damalige Stelle am Verwaltungsgericht auf, auch aus der Überzeugung heraus, dass, wer zu einer Kandidatur «Ja» sagt, auch bei einer Wahl dazu stehen muss.

Zwischen einem Stapi und einem Anwalt sieht Freudiger deutliche Parallelen. «Als Stadtpräsident ist man gewissermassen der Anwalt seiner Stadt und versucht, das Beste für sie herauszuholen.» Und als Stadtpräsident und Grossrat sei er nicht wie ein Advokat dazu verdammt, einfach nur die gegebenen Spielräume auszuloten – er könne diese Räume selbst gestalten. Und dazu hat er Lust, eine Lust, die auch durch sein Gemeinderatsamt entfacht wurde, eine Arbeit, die er als angenehm und konstruktiv bezeichnet.

Im Parlament gehörte er oft zu den grössten Kritikern der Exekutive und nahm dabei nie ein Blatt vor den Mund. Heute sieht er naturgemäss mehr hinter die Kulissen - und sieht wie absorbiert die Verwaltungsangestellten schon vom alltäglichen Tagesgeschäft sind und dass die Ressourcen aufgrund der vielen offenen Stellen beschränkt sind. In seinem Wahlprogramm fordert Patrick Freudiger konkret einen besseren Dialog zwischen Gemeinderat und Stadtrat, aber auch zwischen der Politik und der Bevölkerung, die Gremien würden sich zu sehr mit sich selbst beschäftigen.

Den Schlüssel für diese Problematik sieht Patrick Freudiger vor allem in einem früheren Einbezug – sowohl die Bevölkerung als auch das Parlament muss seiner Meinung nach früher zu Wort kommen, wenn es um wichtige Entscheidungen und grosse Projekte geht. Öffentliche Mitwirkungen sind für ihn ein gutes Mittel, die Meinung der Bevölkerung abzuholen – wie wichtig das sei, zeige das Kindergartendebakel von 2023. Auch die Bedürfnisse des Stadtrats sieht Freudiger nach wie vor – auch wenn er selbst dem Gremium inzwischen nicht mehr angehört – und will nicht dieselben Fehler machen, die er als Stadtrat kritisiert hat. Den Ruf des Parlaments nach mehr Mitsprache nimmt er ernst, macht aber auch klar, dass die Lösung schlussendlich aus dem Stadtrat kommen muss – und nicht von der Exekutive diktiert werden darf.

Das Parlament – es hat Patrick Freudiger geprägt, fast 20 Jahre war er Mitglied des Stadtrats. Die Politik wurde ihm gewissermassen in die Wiege gelegt, bereits sein Vater war Stadtratspräsident der SVP. Daher wundert es nicht, dass Patrick Freudiger schon als Kind mit politischen Themen in Berührung kam. Dabei hat er sich aber nie indoktriniert oder unter Druck gesetzt gefühlt, er hatte den Freiraum seine eigenen politischen Ansätze zu entwickeln. Und das tat er, wiederum sehr jung: Bereits mit 15 Jahren hielt er seine 1. August – Rede.

Dass Jugendliche sich anfangen für Politik zu interessieren ist nicht ungewöhnlich, ungewöhnlich ist aber, wie konkret und detailbetont Patrick Freudiger schon damals war: Die Rede drehte sich um die Fremdbestimmung durch die EU, Nato und UNO – Begriffe, mit denen nicht alle Fünfzehnjährigen etwas anfangen können. Eckte das bei seinen Schulkameraden nicht an? Nicht wirklich, findet er. Damals seien in der Schule politische Themen eher stiefmütterlich oder gar nicht behandelt worden, Staatskunde blieb eher theoretisch und so kam es auch unter den Schüler: innen kaum zu grossen Debatten. Wohl ist er auch mal ein bisschen auf den Arm genommen worden, weil seine Kamerad:innen sein politisches Engagement als speziell empfanden, aber im Großen und Ganzen hat es viele schlichtweg nicht interessiert.

Ins politische Rampenlicht trat Patrick Freudiger dann endgültig im Minarett – Streit, der 2009 im schweizweiten Minarettverbot endete. Freudiger war Mitglied des Initiativkomitees «Für ein Minarettverbot» und kämpfte später im Stadtrat dafür, dass der Langenthaler Gemeinderat die Islamische Glaubensgemeinschaft auffordert, ihr damals hängiges Baugesuch für ein Minarett, zurückzuziehen. Das sorgte für Aufmerksamkeit, Patrick Freudiger wurde in vielen Zeitungsberichten zitiert, erwähnt, porträtiert und kritisiert – es schreckte ihn nicht ab, weiterhin seine Meinung in dieser Sache zu vertreten, auch wenn er damit irritierte. Blickt er heute auf die vergangene Debatte zurück, findet er zwar, dass im Abstimmungskampf sicher zu viel Polemik aufgekommen ist, dennoch sei es wichtig gewesen, diese Auseinandersetzung zu führen. «Zum ersten Mal wurde in der Schweiz über gesellschaftlich religiöse Themen diskutiert», so Freudiger, vorher habe man das – gerade im Bezug auf den Islam – eher vermieden. Und auch bei ihm selbst hat damals ein Prozess eingesetzt. «Ich wurde von Moslems gefragt: Was ist denn diese Leitkultur, von dem ihr redet?» Das hat ihn zum Nachdenken gebracht, denn wer Integration fordert, muss auch definieren, wie diese Integration auszusehen hat.

Das Thema hatte auch noch eine weitere Auswirkung auf sein Leben: Er lernte dadurch seine Frau kennen. Ihr erstes Treffen fand statt, weil sie eine Arbeit zu Glaubensfragen verfasste und deshalb einige Fragen an ihn hatte. Über seine Frau sagt er heute, dass sie ihm in Sachen diskutieren einiges beigebracht hat, etwa, dass Schweigen nicht zwingend Zustimmung bedeutet und dass überreden nicht dasselbe ist, wie überzeugen.

Einsichten, die vielleicht auch einen gewissen Einfluss auf Freudigers Politstil hatten. Als junger Stadtrat provozierte er gerne mit scharfen Voten – auch um sich innerhalb der eigenen Partei zu beweisen, denn in der Fraktion war er damals weitaus der Jüngste. Wie viele, die jung zu politisieren beginnen, schlug er dabei auch mal verbal über die Stränge. Mit den Jahren und der Erfahrung verflog diese Lust an der Provokation. Sachpolitische Lösungen und Kompromisse mit Substanz zu finden – das gefällt Patrick Freudiger inzwischen besser als das Poltern am Rednerpult.

Patrick Freudiger ist eloquent, legt Wert auf eine gute Ausdrucksweise und auf einen höflichen, respektvollen Umgang, spricht man über ihn, wird er als durch und durch freundlich beschrieben und als jemand, der seinem Gegenüber auf Augenhöhe begegnet. Wie passt das aber zusammen mit seinem früheren Engagement im Egerkinger Komitee, das eher durch fragwürdige polemische Aktionen auf sich aufmerksam macht und weniger mit konstruktiven Lösungsansätzen, die er selbst anstreben will? In das Komitee reingekommen ist er durch das Minarettverbot, geblieben ist er in einer beratenden Funktion, schlussendlich hat er die Mitgliedschaft aufgegeben, auch weil seine Zeit es nicht mehr zulässt. Intern hat er, nach eigener Aussage, auch Kritik geäussert, wenn ihm die Aktionen zu weit gingen.

Es ist dieses frühere Engagement, als auch seine Tätigkeit als Kolumnist bei der «Schweizerzeit», einer nationalkonservativen Zeitschrift, die zu seinen Ruf als konservativem SVPler beitragen. Kann jemand, der so klar auf SVP – Linie politisiert ein Stapi für Alle sein? Ja, findet Patrick Freudiger. Seine eigenen Ansichten will er nicht verleugnen und auch nicht so tun, als wäre er jetzt plötzlich parteilos - aber er will zuhören – mit einer ehrlichen Offenheit und der Bereitschaft, die eigene Meinung anzupassen, wenn ihn Argumente überzeugen. Dabei will er es vermeiden, die Menschen mit leeren Floskeln abzuspeisen, von denen sie letztendlich nicht viel haben, sondern Lösungen erstreiten – Lösungen, die auch überparteilich abgestützt sind. In der Vergangenheit ist ihm das schon gelungen. In Langenthal erarbeitete er gemeinsam mit Reto Müller und Michael Schär an einer Spezialfinanzierung, die es ermöglichen soll, wichtige Investitionen zu tätigen. «Das war nicht die Lösung, die ich am Anfang im Kopf hatte – aber am Ende war es eben die bessere Lösung.» Und das ist, laut ihm, schlussendlich die Aufgabe eines Stapis: Nicht einfach das eigene Parteiprogramm durchdrücken, sondern einen Kompromiss finden, den auch diejenigen mittragen, die ihn nicht gewählt haben.

Mit Menschen zusammenarbeiten, die politisch nicht mit ihm einer Meinung sind – diese Erfahrung macht Patrick Freudiger inzwischen auf der kantonalen Ebene als Präsident der mächtigen Finanzkommission. 17 Menschen aus verschiedenen Parteien, alle mit verschiedenen Hintergründen und Meinungen, arbeiten in dieser Kommission – auch hier sieht es Freudiger als seine Aufgabe, dass sich alle gehört fühlen. Es war auch – unter anderem – die Arbeit in dieser Kommission, dieses konstruktive Ringen um Lösungen – die ihn motivierte für den Gemeinderat zu kandidieren, in der Hoffnung, hier dieselbe Erfüllung zu finden, was schlussendlich auch zutraf.

Als Führungsperson will er in erster Linie ein Vorbild sein und so sattelfest in den Dossiers, dass er das, was er verlangt, auch einschätzen kann. Und Loyalität ist ihm wichtig. Nicht nur die Loyalität der Mitarbeitenden ihm gegenüber, sondern auch die, die er wiederum ihnen schuldet. «Wenn ein Fehler passiert, dann muss ich als Chef dafür geradestehen und nicht die Verwaltungsmitarbeiter vorschieben.» Wer Veränderungen anstosse, muss auch damit rechnen, dass nicht von Anfang an alles perfekt läuft.

Und Veränderungen möchte er anstossen in Langenthal, der Stadt, die er selbst nie verlassen hat, weil er, wie er selbst sagt, hier immer alles hatte, was er brauchte. Langenthal muss sein Potential mehr nutzen, ist Freudiger überzeugt, die brachliegenden Areale wie beispielsweise die Alte Mühle, sind für ihn Perlen im Staub. Die Sanierung des Eisstadions ist ihm ebenfalls ein wichtiges Anliegen, genau wie ein besserer Austausch mit der Bevölkerung. Er will anpacken. «Das Falscheste ist immer, nichts zu tun.»

Spricht Patrick Freudiger über seine Pläne, fällt auf, wie konkret er ist, wie sehr er Details umreissen kann und wie schnell er Lösungen präsentieren kann. Mit blumigen Wahlversprechen hält er sich zurück und statt auf Floskeln zurückzugreifen, will er die Themen lieber durchdiskutieren, egal wie sensibel das Thema auch sein mag - fast ist es, als könne der leidenschaftliche Anwalt gar nicht anders, als alles von jeder Seite ausgiebig zu beleuchten. Noch immer kann er, wie in jüngeren Jahren, die Argumente seiner Gegner:innen sezieren und auseinandernehmen, gleichzeitig blitzt dabei auch immer wieder der Humor hervor - als würde er sich dann selbst doch nicht immer ganz so bierernst nehmen, wie es auf den ersten Blick scheint.

Auffallend ist sein Faible für Zitate – vielleicht geboren aus seiner Liebe und seinem Interesse für Geschichte, die ihn beinahe dazu bewogen hat, Historiker zu werden, bevor er sich dann doch für das Jurastudium entschied. Eines seiner Lieblingszitate stammt von Bertolt Brecht: «Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren.» Jetzt entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet ein SVPler den kommunistischen Brecht zitiert, an Kampfgeist mangelt es Patrick Freudig allerdings wirklich nicht. Auch nicht, wenn es ihn selbst betrifft: Vom Militärdienst sollte er aufgrund seiner zierlichen Statur ausgeschlossen werden. Er wehrte sich erfolgreich dagegen, machte sein Sportabzeichen, durchlebte als handwerklich eher ungeschickter Gymnasiast dann eine eher schwere Zeit im Militär, die ihm körperlich viel abverlangte– abbrechen kam trotzdem nicht in Frage.

Patrick Freudiger vollzog mehrere Wandel: Vom provokanten Jungspund, der am Rednerpult verbale Ohrfeigen verteilte, zum allseits geschätzten Stadtratspräsidenten, der ruhig und präzise durch die Sitzungen führte, vom unauffälligem Grossrat in der Justizkommission zum Präsidenten der Finanzkommission, vom aufsässigen Parlamentarier zum verbindlichen Gemeinderat, vom politischen Talent, das nicht auf die Karte Politik setzen wollte zum Stapi - Kandidat – und doch hat er sich dabei nie verbogen, nie einen Hehl aus den eigenen Positionen gemacht und ist sich am Ende immer treu geblieben.

Ein Anwalt für Langenthal möchte er sein – ob das Volk seine Dienste in Anspruch nehmen will, wird sich am 30. August herausstellen.





Mittwoch, 5. August 2026

Wer ist Roland Loser?

 




Obwohl es den Anschein hat, als hätten sich nicht nur die vereinten bürgerlichen Parteien, FDP und SVP, sondern auch noch gleich die gesamte Wirtschaftselite von Langenthal hinter dem bürgerlichen Kandidat Patrick Freudiger gestellt (wahrscheinlich um das kollektive Trauma einer Stadt unter roter Fittiche zu verarbeiten) und es rotgrün nicht gelungen ist, die GLP mit ins Boot zu holen, versteht sich der Kandidat der Linken, Roland Loser, nicht als Underdog. Zwar trifft er Leute, die ihm zu verstehen geben, dass sie ihm wenig, bis gar keine Chancen gegen seinen Gegner einräumen, aber er erlebt auch die gegenteiligen Reaktionen, Menschen, die ihm spontan auf der Strasse ihre Unterstützung versichern und auch aktiv nach Wahlwerbung fragen, etwa nach Buttons und T – Shirts. Was ihn besonders freut: Es sind viele junge Wählende dabei.

Roland Loser verzichtete im Gegensatz zu Patrick Freudiger auf eine grosse Pressekonferenz, um seine Kandidatur offiziell zu verkünden und setzte stattdessen auf ein schlicht gehaltenes Social Media Video und die klassischen Pressemeldungen. Das sieht er eher als praktischen Entscheid und weniger als bewusstes Understatement, Interviews hält er für wesentlich gehaltvoller als «ein paar salbungsvolle Worte bei einer Pressekonferenz» und ohnehin ist er niemand, der den grossen Aufritt und das Brimborium sonderlich liebt.

Man kennt Roland Loser als leidenschaftlichen und ausgelassenen Fasnächtler (der seinen ersten Auftritt als Gemeinderat beim Fasnachtsfischen sichtlich genoss und dazu nutzte, den damaligen Stapi Reto Müller Konfetti ins Gesicht zu schmeissen), als regelmässigen Besucher des Wuhrplatzfests, als Feiernden beim Street Festival. Dazu passt, dass er im Zentrum nur ein paar Schritte vom Trubel entfernt lebt – und praktischerweise zwischendurch nachhause gehen kann, wenn es ihm dann doch zu viel wird, wie er schmunzelnd bemerkt. Er ist gerne unter den Leuten, beschreibt sich aber zugleich als jemand. der erst einmal abwartet, bevor er auf andere zugeht. Ist das, im Kampf um den Stapi – Thron und auch bei einer allfällig späteren Ausübung des Amtes, nicht ein Nachteil? Laut Roland Loser nicht zwingend. Seit er sein Amt als Gemeinderat anfangs 2026 angetreten hat, erlebt er, dass die Menschen ohne Scheu von selbst auf ihn zukommen, die Kontaktaufnahme ist leichter geworden. Als Stapi würde sich dieser Effekt noch kumulieren.

Aber egal ob man jetzt introvertiert oder extrovertiert ist, schlussendlich ist ein Wahlkampf, der fast ausschliesslich auf die eigene Person abgestützt ist, immer kräftezehrend. Dass er als einzig verbliebener SP – Gemeinderat einer der Wunschkanidat:innen seiner Partei ist, war klar.  Roland Loser liess sich Zeit mit seiner Entscheidung, zumal bereits die Kandidatur Auswirkungen auf sein Berufsleben hat. Er ist Informatiker und Abteilungsleiter bei der Glue AG, möglich, dass sich Kund:innen abgeschreckt fühlen, bei dem Gedanken, dass der zuständige Projektleiter möglicherweise bald nicht mehr zur Verfügung steht. Schlussendlich erklärte er sich dann aber bereit für die SP in den Ring zu steigen. Die neue Herausforderung reizte ihn. «Und nach 30 Jahren im gleiche Beruf am gleichen Ort ist es vielleicht doch mal Zeit für einen Wechsel – und für mich vielleicht die letzte Chance, noch etwas anderes zu machen.»

Beständigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch Roland Losers Biografie. Er ist nicht nur seinem Arbeitgeber überdurchschnittlich lange treu geblieben, er ist mindestens ebenso lange Tambourmajor bei den «Flötenmadli» und hat Langenthal nie den Rücken gekehrt. Seine Eltern zogen von der Ostschweiz nach Langenthal, damit der Vater eine Stelle bei Guggelmann antreten konnte – der Niedergang des Texilindustrie machte sie zu «Wirtschaftsflüchtlingen im eigenen Land», wie Roland Loser bei seiner 1. Mai Rede erzählte. Und so wuchs er hier auf, ein eher scheues Kind, das es aufgrund seiner raschen Auffassungsgabe aber den Übertritt in die SEK und später ans Gymnasium schaffte. Im Studium war er «nicht der grosse Überflieger», wie er selbstkritisch feststellt und die Arbeit an seiner Masterarbeit war ein 2 Jahre lang andauernden Kampf. Aber er hat sich festgebissen, durchgehalten und das Studium am Ende erfolgreich abgeschlossen.

Etwas durchziehen, auch wenn es schmerzhaft und mühsam wird, mit Drucksituationen umgehen, nicht aufgeben – Fähigkeiten, die sich Roland Loser wohl auch im Leistungssport angeeignet hat. Er galt als Leichtathletiktalent und wurde entsprechend gefördert. Der Sport gab ihm Bestätigung und stärkte das Selbstbewusstsein des schüchternen Jugendlichen, doch er lernte auch früh die Schattenseiten kennen. Die ständige Angst «nur» zweiter zu werden, das ständige an die eigenen Grenzen gehen und noch darüber hinaus,  der Druck, den körperlichen Anforderungen gerecht zu werden – schlussendlich entschied er sich gegen die Sportlerlaufbahn. Heute absolviert er sein Sportpensum am liebsten auf dem Fahrrad, mit dem er weite Touren unternimmt und die Welt erkundet.

Sportzuschauer ist er nach wie vor. Roland Loster ist unter anderem YB – Fan, eine Leidenschaft, die er mit seinen Söhnen teilt. Er schwärmt von den Emotionen, die ein Match auslösen kann, von der Energie, die sich freisetzt und von der Verbundenheit, die entsteht. Auch Langenthal erlebte das – mit dem FCL, aber auch mit dem SCL. Dessen erworbenen Meistertitel und die damit verbundenen Feiern sind für ihn schöne Erinnerungen an eine Zeit, in der in Langenthal alles möglich schien.

Dieses Aufbruchsgefühl vermisst Roland Loser inzwischen in seiner Heimatstadt.  Schlechte Stimmung habe sich breit gemacht und das habe fatale Auswirkungen, so Loser. Als Stadtrat kämpfte er stets dafür, trotz der angespannten finanziellen Lage, nicht alles kaputt zu sparen und nicht nur den tiefen Steuersatz in den Mittelpunkt zu stellen. «Wir geben nicht zu viel aus, wir nehmen zu wenig ein», wurde Losers Mantra, an dem er noch immer festhält. Damals, nach dem unerwarteten Segen der Onyx Millionen, habe man den Menschen etwas zurückgeben wollen, in Form von Steuersenkungen und so sei man bewusst in ein Defizit gegangen – mit dem Resultat, dass der Eindruck entstand, den Finanzen in Langenthal gehe es besonders schlecht, so Loser, das habe eine Negativspirale ausgelöst, die jetzt alles mit sich reisst.

Es ist diese negative Grundstimmung, die Roland Loser zu schaffen macht. Dass beispielsweise die dringend notwendigen Kindergartensanierungen vom Volk abgelehnt wurden, daran hat er immer noch zu knabbern, auch weil er sich dem Gedanken nicht erwehren kann, dass die Ablehnung zum Teil aus Trotz zustande kam. Kurz zuvor war der Traum eines neuen Eisstadions geplatzt, was viele erzürnt und enttäuscht hat – vielleicht legten auch deshalb viele ein «Nein» in die Urne, um ihren Protest deutlich zu machen. Die Solidarität untereinander hat gelitten. «Wenn mein Herzensprojekt nicht umgesetzt wird, dann sollen die anderen ihres auch nicht haben», fasst Roland Loser die Stimmung im Volk zusammen. Diese Entwicklung beschäftigt ihn sichtlich.

Für ihn als überzeugten Langenthaler hat es auch mit Stolz zu tun, den Anspruch zu haben, zu investieren – beispielsweise in Bauten, die mehr sind als nur seelenlose Kästen. Die letzte Generation habe den Willen gehabt, uns eine schöne Stadt zu hinterlassen, so Loser und spricht vom Choufhüsi, vom Stadttheater, dem Kreuzfeldareal – alles Orte, die noch heute eine Aura verströmen und der Stadt ein einzigartiges Antlitz verleihen. Losers Horrorvorstellung ist eine Stadt, in der sich die Jugend nur noch vor dem McDonalds trifft und das Leben zum Erliegen gekommen ist.

Für eine lebendige Stadt – dafür kämpfte Roland Loser auch zehn Jahre im Stadtrat. Wenn er an seine Anfänge zurückdenkt, erinnert er sich vor allem an den Enthusiasmus, den er damals verspürt hat. «Ich hatte schon den Anspruch die Welt zu verändern», stellt er heute schmunzelnd fest. Doch wie so viele vor ihm, musste er feststellen, dass auch ein beherztes Votum am Rednerpult die schon im Voraus festgefahrenen Meinungen nicht aufzubrechen vermag.

Sein Stadtratsmandat war es, das ihn in die SP trug. Ursprünglich kandidierte als Parteiloser für die SP, dann rutschte er in den Stadtrat nach, trat infolgedessen in die Partei ein und übernahm bald verschiedene Schlüsselämter. Roland Loser war Fraktionspräsident, Co – Parteipräsident und Mitglied der GPK, durchlebte mit der SP Triumphe aber auch Niederlagen. Das Politisieren als SPler ist nicht immer einfach – in Langenthal ist man oft in einer Minderheitenposition und im bürgerlichen Umfeld muss man sich, laut Loser, viel erklären, und sei angreifbarer. Innerhalb der Partei verortet er sich eher beim sozialliberalen Flügel («laut Smartvote bin ich aber ultralinks»), mit Blick auf die blutigen Revolutionen der Vergangenheit, kann er wenig anfangen mit Begriffen wie «Klassenkampf» und auch das nostalgische Festhalten der SP an alten Gepflogenheiten, wie etwa die Bezeichnung «Genoss:innen» sieht er skeptisch. Er steht für eine pragmatische und moderne SP, die sich mit aktuellen Themen beschäftigt.

Über Roland Loser wird oft gesagt, er sei harmoniebedürftig. Bis zu einem bestimmten Grad stimme das, bestätigt er im Gespräch, ihm sei es oft ein instinktives Bedürfnis in einer Diskussion Verständnis für beide Seiten einzubringen – gerade dann, wenn er das Gefühl hat, die Sichtweise einer Partei käme zu kurz oder werde zu sehr abgeschmettert. Zugleich ist da eine andere, temperamentvolle Seite. Als beispielsweise im Stadtrat diskutiert wurde, ob in der Alten Mühle ein Familienzentrum entstehen soll und sich abzeichnete, dass das Geschäft zurückgewiesen wird, wurde er sehr deutlich und forderte die Bürgerlichen in seinem Votum auf, sie sollen doch einfach sagen, dass sie das Zentrum nicht wollen, das sei ehrlicher. Diese sehr unverblümte Art stiess manchen vor den Kopf. Dieser Ausbruch spiegelte Rolands Loser Unwillen wider, sich auf politische Spiele einzulassen, Taktieren liegt ihm nicht sonderlich, er mag es lieber, Dinge direkt anzusprechen und pragmatisch anzugehen. 

Roland Loser ist frisch gebackener Gemeinderat, Führungserfahrung hat er als Mitglied der Geschäftsleitung bei der Glue schon reichlich gesammelt. Sein Führungsstil beruht auf Vertrauen, er glaubt an die Fähigkeiten seiner Mitarbeitenden und hält nicht viel davon, ihnen dauernd auf die Pelle zu rücken und über die Schulter zu schauen. Vertrauen – das ist etwas, das er im Zusammenspiel der Behörden in Langenthal aktuell vermisst, zugleich fehle es der Bevölkerung oft an Vertrauen in die Politik. Als Stapi wäre das ein Ziel von ihm: Das Klima verbessern und wieder Vertrauen untereinander schaffen.

Als linker Stapi bewegt man sich in einem Spannungsfeld zwischen den Erwartungen der eigenen Partei und den Spieleraum, der einem eine bürgerliche Stadt bietet. Dass er keine utopischen linken Szenarien versprechen kann, ist Roland Loser bewusst und er vermeidet es sorgfältig, allzu grosse Erwartungen zu wecken. Und doch steckt ein Visionär in ihm, wenn er Langenthal schildert, wie es unter ihn aussehen könnte: Ein schönes Langenthal, in der die Menschen zusammengebracht werden, Sportclubs nicht an ihrer Infrastruktur verzweifeln und Kultur ihren festen Platz hat.

Die Sehnsucht nach einem lebendigen Langenthal, in dem alte Konflikte begraben werden und neues entstehen kann – das scheint ein grosser Antrieb für Roland Loser zu sein, der viele Gegensätze in sich vereint. Der Visionär, der die Beständigkeit sucht, der Introvertierte, der sich dann doch wieder exponiert, der Ruhige, der auch mal laut werden kann, wenn Ungerechtigkeit ihn fuchst, der Friedliebende, der aus Freude an der Debatte  dann aber auch gerne in Gesprächsrunden eine kontroverse Meinung droppt (etwa, wenn er sehr leidenschaftlich und präzise ausführt, wieso Züri West Lieder viel besser als die honigtriefenden Songs von Patent Ochsner sind) und der auch sagt: «Manchmal ist ein Kompromiss einfach schlecht und dann macht es für mich keinen Sinn darauf einzugehen.»

Er ist ein Kulturliebhaber und Sportmensch, der darunter leidet, dass es gerade bei diesen Themen immer um Kosten geht und nicht um die positiven Aspekte, ein Mensch, der sich auf dem glatten politischen Parkett nicht immer ganz so wohlzufühlen scheint und sich vom Gemeinderat mehr Nahbarkeit wünscht und dafür beispielsweise gemeinsame Essen in verschiedenen lokalen Restaurants vorschlägt – einfache direkte Lösungen statt komplizierte Umwege. Sein Wahlsujet ist an das berühmte Obama Plakat angelehnt, auch der Slogan «Langenthal kann mehr», erinnert an das berühmte «Yes, we can.» Gross träumen für und in Langenthal – Rolands Motto für diesen Wahlkampf ist klar. Ob er diese Träume als Stapi in die Tat umsetzen kann, entscheidet das Stimmvolk am 30. August.

Wer ist Patrick Freudiger?

  Bild: Leroy Ryser Dass die Bürgerlichen sich ihn als Stadtpräsidiumskandidaten wünschen, war ein offenes Geheimnis. Als langjähriger Stadt...