Samstag, 30. Mai 2026

Jacinda und ich

 

Meine Theorie ist ja, dass Bücher die Fähigkeit haben, zur richtigen Zeit von der richtigen Person gelesen zu werden. Bei mir hat sie sich letzthin wieder bestätigt, und zwar bei der Biografie von Jacinda Ardern. Für die, die sie nicht kennen: Jacinda Ardern war von 2017 bis 2023 Premierministerin von Neuseeland. In ihre Amtszeit fielen sowohl ein Vulkanausbruch als auch die Coronapandemie, 2019 wurde das Land zudem von den rechtsextremistischen Terroranschlägen auf zwei Moscheen in Christchurch erschüttert. Ardern beeindruckte mit ihrem Krisenmanagement, aber vor allem auch durch ihren empathischen und sensiblen Umgang mit den Hinterbliebenen und Opfern, der wohl auch dazu beitrug, dass das Land sich nicht spaltete, sondern sich in seinem Schmerz einte.

In ihrer Biografie erzählt Jacinda Ardern, dass sie ein sehr sensibler Mensch sei und dass ihr im Laufe ihrer Karriere oft erklärt worden ist, dass sie diese Eigenschaft in der Politik ablegen müsse. Sie beschreibt, dass ihre Empathie ihr manches erschwerte, aber sie streicht auch hervor, dass sie genauso oft davon profitierte und ihr Erfolg als Regierungschefin gerade in ihrer Empathie begründet lag. Etwas, was ihr als Schwäche ausgelegt wurde, hat sie zu ihrer Stärke gemacht.

Mich hat das beeindruckt, weil ich mit zwei Dingen in meinem Leben immer wieder struggle. Das eine sind meine Ängste, das andere meine Sensibilität (oder, wie es weniger freundliche Menschen formulieren würden, meine Empfindlichkeit). Ich habe es beispielsweise schon als Kind nicht gemocht, wenn in Filmen gestritten wurde und bin dann oft aus dem Raum gegangen (also, wenn die Guten miteinander gestritten haben) und ich habe auch immer viel geweint, aus Gründen, die andere oft nicht nachvollziehen konnten (und ich selbst manchmal auch nicht). Das Weinen ist mir geblieben, was mir unfassbar unangenehm ist (weil heulend auf der Toilette sitzen entspricht jetzt nicht dem Bild der taffen Politbloggerin, das ich gerne kultivieren würde).

Als ich anfing mich für Politik zu interessieren und meinen Blog darauf auszurichten, war meine Mutter nicht sonderlich begeistert, weil sie das Klima für mich zu rau hielt. Sie dachte dabei aber wahrscheinlich eher an die nationale Politik als an die Lokalpolitik, die natürlich weitaus weniger hart ist und der Umgang sicher freundlicher. Als Lama habe ich jedenfalls wenige schlechte Erfahrungen gemacht und bin fast überall immer wohlwollend behandelt worden. Aber es ist schon so, dass ich manchmal nach Stadtratsdebatten emotional so sehr involviert bin, dass nicht mehr schlafen kann und sie mir noch tagelang nachhängen. Mich wühlt es auf, wenn die Stimmung heftig wird und die Voten schärfer werden oder wenn ich sehe, wie jemand, den ich mag und schätze, angegangen wird. Und natürlich mache ich mir auch oft Sorgen, dass meine eigenen Texte, so lustig sie auch gemeint sind, jemanden wehtun könnten.

Mir wurde in den letzten Jahren oft geraten, mir ein dickeres Fell zuzulegen und ich habe immer gesagt: «Ja, ich weiss.» Und ich wollte immer daran arbeiten, aber ehrlich gesagt, hätte ich wahrscheinlich genauso gut versuchen können, noch ein paar Zentimeter zu wachsen oder mich in eine Strassenlaterne zu verwandeln, weil, egal wie sehr ich mich anstrengte, taff zu sein, im Kern blieb ich immer ich: Ein Sensibelchen. Und als ich anfangs des Jahres schliesslich einsah, dass das immer ein Teil von mir bleiben würde, begann ich darüber nachzudenken, mit dem Polit – Blogging aufzuhören. Wie sollte das zusammen gehen? In einem Moment freche Sprüche reissen, im anderen weinend nachhause laufen, weil das Parlament ein paar wilde Takes zu Nazis in Langenthal rausgehauen hat – das ist doch irre.

Ich liebe es über Politik zu schreiben und Satire darüber zu machen und es war immer ein Traum von mir das irgendeinmal das Lama über Langenthal hinauswachsen zu lassen. Aber wenn ich selbst hier in diesem geschützten und gesitteten Raum ins Schleudern gerate, was würde es denn mit mir machen, wenn ich ihn verlasse? Es ist nicht nur das starke Empfinden von Konflikten, das Mitgefühl mit Scheiternden, der Stress, den emotional aufgeladene Kampagnen bei mir auslösen, es ist auch der innere Druck, die eigenen Verletzlichkeiten nicht einmal mehr ansprechen oder thematisieren zu können, ohne dass mir kaltschnäuzig ein: «Wer austeilt, muss auch einstecken können» entgegen geschleudert zu bekommen.

Nun und dann las ich also Jacindas Biografie, in der sie, entgegen dem Klischee, dass Politiker:innen immer abgebrüht und sachlich und cool sein müssen, ganz offen mit ihren Unsicherheiten und Zweifeln umgeht und in der sie ihren sensiblen Charakter nicht versteckt, sondern vielmehr hervorstreicht. Es machte mir Mut, dass sie ihre Sensibilität als Stärke und Ressource sah und ich begann darüber nachzudenken, inwiefern ich von dieser Eigenschaft profitiere.

Ich glaube zum Beispiel, dass mein Schreiben eng mit meiner Empathie verknüpft ist, weil es mir leichtfällt, mich in andere Menschen hineinzuversetzen. Auch mein Gespür für Situationskomik ist Teil dieses Einfühlungsvermögens und die Tatsache, dass viele Menschen unterschiedlicher Parteiherkunft über meine Protokolle lachen können, beweist ja auch, dass ich dabei auch einigermassen ausgeglichen vorgehe, was nicht der Fall wäre, wenn ich andere Meinungen nicht nachfühlen könnte. Es gab auch mal eine Zeit, in der ich viele Interviews geführt habe – mir sind ausnahmslos alle Lokalpolitiker:innen dabei sehr offen und ehrlich begegnet, was sie wahrscheinlich nicht getan hätten, wenn sie mich als rücksichtslose Bloggerin, die für einen guten Gag alle vor den Bus schubsen würde, kennengelernt hätten.

Als mir das bewusst wurde, wurde mir klar: Ich mache mir Gedanken, dass ich das Lama nicht weiterführen kann, weil ich zu sensibel bin – aber wer sagt mir denn, dass das Lama ohne diese oft von mir verfluchte Sensibilität überhaupt irgendeine Form von Erfolg gehabt hätte? Und wäre es nicht dumm von mir, etwas aufzugeben, was ich liebe, nur weil Politik als hartes Pflaster gilt?

Dann streue ich halt ein bisschen Blumen auf dieses harte Pflaster.  Und besorge mir genügend Taschentücher.

Also wird’s hier weitergehen.

Jacinda ist schuld.

 

 

 

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