Donnerstag, 6. Juni 2019

Porträt: Nationalratskandidatin Christine Blum




Ruhig und bescheiden im Auftreten, hartnäckig und entschlossen, wenn es gilt in der  Politik etwas durchzusetzen, was ihr am Herzen liegt: Christine Blum, die Frau mit dem herzlichen Lächeln wird in Diskussionen nie laut, doch sie platziert ihre Argumente gekonnt und würzt sie mit fundierten Fakten, statt mit Effekthascherei. Das weiss die Stimmbevölkerung zu schätzen. Christine vertritt seit 2016 die SP Oberaargau im Grossrat des Kantons Bern.
Die Politik begleitet sie schon ihr Leben lang. Geboren und aufgewachsen ist sie in Gondiswil, wo ihr Vater während einigen Jahren als Gemeinderat waltete. Als Vertreter der BGB, dem Vorläufer der SVP. „Ja, wir haben schon das eine oder andere Mal miteinander diskutiert. Aber weniger um politische, als vielmehr um gesellschaftliche Themen“, bestätigt Christine.

Trotz der eher konservativ ausgerichteten Partei, führten ihre Eltern ein sehr modernes Familienleben. Ihre Mutter arbeitete auch nach der Geburt der Kinder weiter als Handarbeitslehrerin, der Vater packte ganz selbstverständlich mit im Haushalt an und kümmerte sich um die Kinder. Und dann führte er nebenbei auch noch ein Schuhgeschäft. „Es ist ja irgendwie auch verständlich, dass er als Gewerbler den linken Ideen, die damals oft als einschränkend und bevormundend galten, eher kritisch gegenüberstand.“

Von ihrem Vater lernte sie, was es heisst, ein Projekt anzustossen, zu begleiten und wenn nötig auch zu verteidigen. Christine erinnert sich an die Diskussionen, rund um den Bau einer Turnhalle in Gondiswil. Nicht alle im Dorf wollten diese Turnhallte. Ihr Vater kämpfte dafür und musste deswegen auch einstecken. Schlussendlich wurde die Halle gebaut. Und steht bis heute noch. Auch ihre Mutter war sehr engagiert, aber nicht auf politischem Parkett. „Meine Mutter setzte sich in verschiedenen Vereinen ein. Sie war weniger kämpferisch veranlagt – das habe ich eher von meinem Vater geerbt.“

Politische und geschichtliche Zusammenhänge, vor allem jedoch Umweltthemen, vermochten es, Christine schon früh zu begeistern. Bei einer der ersten Aktionen, an die sie sich erinnert, ging es um den autofreien Sonntag. Mit anderen Jugendlichen genoss sie demonstrativ die ungewohnte Bewegungsfreiheit der Fussgänger auf den leeren Strassen. Eine andere, ebenfalls grüne Bewegung, die sie unterstützte war die „Gewaltfreie Aktion Graben“ (GAG), die zum Ziel hatte, den Bau eines AKW zu verhindern. Christine war zwar nicht im Komitee, dafür eifrige Sympathisantin. „Mein Anreiz war immer, dass man ändern kann, was einen stört“, erinnert sie sich.


Die Berufswahl fiel ihr als junge Frau nicht leicht, sie wusste lange nicht, welchen Weg sie einschlagen sollte, vor allem wenn es um eine akademische Ausbildung gehen sollte. Nach intensiven Diskussionen in der Familie entschied sie sich für die Ausbildung im Lehrerseminar, eine gute Grundlage mit einem soliden Abschluss. So wurde Christine Lehrerin, was sich als gute Wahl herausstellte. „Ich habe mich immer für den Dialog, den Austausch und für Kinderentwicklung interessiert“, fasst sie zusammen.


Ihre erste Anstellungen fand Christine in einem Heim für sozial auffällige Kinder. So entdeckte sie auch ihre Affinität zu Kindern mit besonderen Bedürfnissen. „Ich habe mich zu ihnen immer hingezogen gefühlt“, erklärt Christine und so überrascht es nicht, dass sie sich schliesslich zur Heilpädagogin ausbilden liess. 2003 übernahm sie schliesslich die Leitung der heilpädagogischen Schule Oberaargau. Dreizehn Jahre lang blieb sie in dieser Funktion, bis sie sie schliesslich abgab.


Wohnhaft ist Christine seit 1984 in Melchnau, und auch wenn sie hier eher aus Zufall gelandet ist, gefällt es ihr in dem „Dörfchen“ noch immer ausgesprochen gut. Sie sei nie eine Stadtpflanze gewesen. In ihren Augen ist Melchnau ein Dorf mit Tradition, in dem sich viele Familienstämme angesiedelt haben. Zugleich ist es ein Ort im Wandel, wo Initiativen möglich und erwünscht sind. „Und es gibt viele Grünflächen und Menschen mit einem grünen Daumen in Melchnau“, fügt sie lächelnd hinzu. Das Grün um sie herum ist ihr ebenso wichtig wie die gute Verkehrsanbindung.


Acht Jahre lang konnte Christine das Geschehen in Melchnau prägen. 2006 wurde sie überraschend in den Gemeinderat gewählt, als Parteilose auf der Liste der SP. Damit hatte sie nicht gerechnet, dennoch nahm sie die Herausforderung an. Nach ihrer Wahl trat sie schliesslich auch endgültig der SP bei, ein Schritt, den sie vorher nicht gewagt hat. Zwar waren ihre Positionen immer links, dennoch mochte sie sich nicht endgültig einer Partei verschreiben. Aber die SP hatte sie in den Gemeinderat portiert und dieses Vertrauen wollte sie zurückgeben. „Von den Positionen her, hätten es auch die Grünen werden können.“


Es war nicht immer leicht, als einzige Linke in einem bürgerlich geprägten Gemeinderat zu politisieren. „Ich lernte in dieser Zeit pragmatisch zu sein“, reflektiert Christine, „ich suche lieber nach Lösungen, als zu blockieren. Und mängisch muess mer eifachs Beschte usere nid perfekte Lösig mache.“


Dennoch, gerade im sozialen Bereich sei Melchnau vorwärts gekommen. „Wir hatten früh Tagesschulangebote – früher als Langenthal!“, bemerkt sie stolz. Vielleicht lag dieser Erfolg auch daran, dass der Gemeinderat sehr weiblich geprägt war – vier von fünf Exekutivmitgliedern waren zu Christines Zeit Frauen. Ging es um Anliegen, die Familien betrafen, fiel es Christine nicht schwer, Brücken zu bauen.


Wenn der Gemeinderat Melchnau einen Entschluss fällte, dann standen alle Mitglieder dafür ein, egal ob er sich mit ihren persönlichen Wünschen und Einstellungen deckte oder nicht. „Wenn man dann auf der Strasse mit Vorwürfen konfrontiert wird, ist das nicht immer leicht. Und ich bin dann auch nicht die, die mit dem Kollegialitätsprinzip bricht.“


Inzwischen ist Christine Grossrätin und damit Teil einer Legislative. Das Amt ist ziemlich zeitintensiv mit dem Aktenstudium, der Meinungsbildung, mit dem Schreiben von Stellungnahmen oder Vorstössen und dann natürlich die Sessionen. Die dauern in der Regel zwei Wochen und nehmen pro Tag etwa 7 Stunden im Anspruch. Da ist vor allem Zuhören angesagt, was allerdings durchaus Christines Wesen entspricht. Um das Rednerpult reisst sie sich nicht unbedingt. „Wenn ich aber der Meinung bin, dass ich in einem Thema sattelfest bin und etwas dazu beitragen kann, dann mische ich mich ein.“


Trotz der langen Grossratssitzungen, langweilig wird es Christine nicht. „Es ist immer anregend, weil man auch mit Themen konfrontiert wird, denen man vorher gar nie gross Beachtung geschenkt hat.“ Und wenn es gar zu fade ist, dann gehe sie eben Kaffee holen, scherzt sie.  Zum Alltag einer Grossrätin gehören auch die Fraktionssitzungen, die Christine besonders schätzt. „Hier entstehen unmittelbare, intensive Diskussionen. Später im Grossrat hat man sich als Partei ja abgesprochen und weiss, wer welches Votum abgeben wird.“


Inzwischen ist Christine im Grossrat angekommen, obwohl sie eigentlich nie richtig mit ihrer Wahl gerechnet hat. 2014 landete sie auf der SP – Liste auf dem ersten Ersatzplatz. Und wie bei ihrer Wahl in den Gemeinderat war sie über das fantastische Resultat völlig verdutzt. „Es war nicht so, dass ich es mir nicht zutraute, das Amt auszuüben. Ich fragte mich einfach immer: Wer wählt mich denn hier alles?“, lacht sie. Deshalb war sie auch nicht enttäuscht, dass es nicht ganz für den Grossrat gereicht hat, sondern eher erleichtert.


Als dann Pierre Masson aus familiären Gründen zurücktrat, musste sie sich entscheiden, ob sie für ihn nachrücken will oder nicht. Sie erbat sich Bedenkzeit. Und beschloss, die Chance zu ergreifen. 2018 schaffte sie die Wiederwahl, jetzt folgt die Kandidatur als Nationalrätin. Auf die Frage, was sie am nationalen Parlament reize, antwortet sie ohne gross zu überlegen: „Auf eidgenössischer Ebene kann man sehr viel erreichen, gerade in den grossen Themen wie IV, AHV oder Klima. Da ist man kantonal schon mehr eingeengt.“


Wahlkampf wird auch gerne als Ochsentour bezeichnet. Für die Kandidierenden bedeutet es, dass sie eine grosse Präsenz an den Tag legen müssen. Das ist für Christine nicht immer so einfach, weil sie, laut eigener Aussage, „nicht gerne im Schaufenster steht.“ Und dennoch, ihr Verantwortungsgefühl und ihre Lust auf die Politik, lässt sie auch diese Herausforderung annehmen. „Ich sehe mich als Politikerin auch immer ein wenig als Handwerkerin. Du musst dir das richtige Werkzeug suchen und es gebrauchen.“


Ausserdem ist Christine davon überzeugt, dass es Frauenkandidaturen braucht. Auch wenn sie sich selbst nicht als Feministin bezeichnen mag. „So ein Begriff ist auch immer abgrenzend. Ich bin für Gleichstellung, dafür, dass es allen möglich ist, sich persönlich zu verwirklichen.“ Rollenklischees lehnt sie ab, dennoch mag sie es auch, Frau zu sein. „Ich stricke zum Beispiel sehr gerne – aber keine Pussyhats“, meint sie augenzwinkernd.


Dass es für Frauen schwierig ist, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, weiss Christine aus eigener Erfahrung. Neben ihrer Arbeit, ihrem Nachstudium und ihrem freiwilligen Engagement, zog sie auch drei Töchter gross. Unterstützt wurde sie dabei von ihrem Mann, ihren Eltern und Schwiegereltern, die ihr vieles ermöglichten. „Es war eine gute und intensive Phase. Dennoch ist es eine Tatsache, dass Frauen oft zu Gunsten der Männer auf Führungspositionen verzichten. Auch weil es in den höheren Stellungen zu wenig Teilpensen gibt“, betont sie.


Frauen werden schon anders beurteilt, als Männer, findet Christine. Als sie beschlossen hat, sich zur Schulleiterin weiterzubilden und dafür eine Stelle suchte, habe ihr offener Wunsch, in die Rolle der Leitung zu wechseln, auch einige Leute irritiert. Frauen, die aktiv nach einer Führungsrolle streben, seien Exotinnen. Auch in der Politik bekam es Christine zu spüren, dass sie für manches mehr kämpfen muss, als ihre männlichen Gspänli. „Ein Mann kann überzeugen, wenn er sich hinstellt und sagt: Ich finde das eine gute Sache, vertraut mir. Eine Frau muss viel mehr Fakten liefern und sattelfester sein, um ernst genommen zu werden.“ Doch Christine ist auch überzeugt, dass sich die Dinge richtig entwickeln. Die Frauen würden immer einflussreicher.


Die Frage, bei welchem Flügel der SP sie sich verorten würde, kann sie nicht abschliessend beantworten. „Das kommt ganz auf die Themen an. Ich bin – auch durch mein früheres Exekutivamt – für vernünftige Lösungen und sehe oft beide Seiten einer Medaille. Wogegen ich mich aber klar wehre, sind Repressionen, deswegen war ich auch gegen das Polizeigesetz.“ Die persönliche Freiheit des Einzelnen, stellt Christine über alles andere.

Und dann ist da natürlich die Umwelt, die Christine schon seit jungen Jahren beschäftigt. „Wenn ich einen Tag Kaiserin der Schweiz wäre und allein entscheiden könnte, würde ich viele Gesetze zu Gunsten der Umwelt ändern. Denn, wenn uns die Welt wegbricht, weil wir nicht Sorge tragen, brauchen wir auch nicht mehr über soziale Themen zu debattieren. Für den Erhalt der Umwelt ist es wirklich fünf vor Zwölf!“, ist Christine überzeugt.


Doch auch das sagt sie ohne laut zu werden, ohne übertriebenen Pathos in der Stimme. Eindringlich, dennoch auch mit dieser ruhigen Nachdenklichkeit, die sie ebenso ausmacht, wie die Ausgewogenheit in ihren Voten. Sie ist niemand, der zum rhetorischen Hammer greift oder irgendwelche  Katastrophenszenarien erfindet. Andere Politiker – und Politikerinnen schlagen da einen ganz anderen Ton an. „Vieles ist heute populistischer geworden. Die Zwischentöne verblassen“, bedauert Christine. Das hängt in ihren Augen auch mit der veränderten Medienwelt zusammen, mit den immer schneller auftauchenden Schlagzeilen und dem immer grösseren Zeitdruck, der seriöse journalistische Arbeit fast verunmöglicht.  „Das Argumentieren wird auch schwieriger, weil immer so viele Themen gleichzeitig die Öffentlichkeit beschäftigen.“


Sie selbst beschreibt einen guten Politiker und eine gute Politikerin als jemanden mit einer grossen Überzeugung. „Man muss an die Gesellschaft glauben und für die Demokratie einstehen.“ Schlechte Politiker, fährt sie fort, seien solche, die sich in leeren Phrasen verlieren, sich statt an Themen an irgendeiner Lobby orientieren, personenbezogen argumentieren und statt debattieren dozieren. Vorbilder von Christine sind starke Politikerinnen wie Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern, aber auch die ehemaligen SP – Bundesrätinnen Calmy – Rey und Dreyfuss.


Christine selbst ist ein sehr positiver Mensch, der immer versucht, das Gute zu sehen, egal wie vertrackt oder schwierig die Angelegenheit ist. Für sie ist das Glas halb voll, nicht halb leer. „Lueg ufs Positive und konzentrier di uf das!“, sagt sie, die viele Herausforderungen angenommen hat. Ein Rat, der nicht nur in der Politik nützlich ist. Aber gerade dort dringend gebraucht wird.

Samstag, 25. Mai 2019

Kommentar: Herr Witschi geht






Es ist doch eher ungewöhnlich, wenn ein Gemeinderat oder eine Gemeinderätin während der laufenden Legislatur zurücktritt. Noch ungewöhnlicher ist es, wenn der oder die Scheidende noch jung an Jahren ist und theoretisch noch eine weitere Legislatur dranhängen könnte. Wir erinnern uns: Die letzte Gemeinderätin, die noch vor Ende ihrer Amtszeit zurückgetreten ist, war Christine D’Ingiandi - Bobst (JLL), die wegen der Amtszeitbeschränkung nicht noch einmal hätte kandidieren können. Markus Gfeller rückte für sie nach und damit konnte die FDP bei den nachfolgenden Wahlen mit einem Bisherigen antreten – was immer ein Vorteil ist, weil, die Wähler sich gerne für jemanden entscheiden, den sie schon kennen à la „der/die hat die Stadt nicht in die Luft gejagt, der wird schon okay sein“.

Jetzt geht wieder ein FDP – Gemeinderat vorzeitig – allerdings nicht aus wahltaktischen Überlegungen. Michael Witschi, Ressortleiter Sozialwesen, Altersfragen und Gesundheit, schmeisst den Bettel hin, um es salopp auszudrücken. Und begründet das nicht etwa mit einer zu hohen Belastung in Beruf oder mit dem Wunsch mehr Zeit mit der Familie zu verbringen, sondern macht deutlich, dass er mit dem Exekutivamt zu kämpfen hatte. Nicht, weil es ihn überfordert hätte, sondern weil es von ihm abverlangte, die eigene Meinung zurückzustellen.

Witschi schlägt in einem Interview mit der BZ sehr kritische Töne an. Er habe das Gefühl, dass die gut vernetzten und fordernden  Bürger von einer zweiten Umverteilung der Steuergelder überproportional profitieren würden. Auf Nicht – Politiker Deutsch übersetzt heisst das so viel wie: Der Gemeinderat lässt sich von einflussreichen Leuten und Vereinen von aussen steuern, statt seine Entscheide auf der nüchternen Sachebene zu fällen (zumindest interpretiere ich die Aussage so.) 

Michael Witschi zielt damit vor allem auf ein bestimmtes Geschäft: Den Unterstützungsbeitrag für den SCL Nachwuchs, der auf Antrag des Gemeinderats, erhöht wurde.  Witschi kann dieser finanziellen Sympathiebekundung nur wenig abgewinnen. Er fürchtet, dass aus dieser grosszügigen Geste früher oder später Steuererhöhungen resultieren werden – etwas, was er als Liberaler ungefähr so sehr fürchtet wie der Vampir das Weihwasser. Um das zu verhindern, engagiert sich Witschi sogar im Referendumskomitee gegen die Erhöhung des SCL – Nachwuchsbeitrags. Fast könnte man glauben, der stets so gelassen wirkende Bauunternehmer sei auf seinen ganz persönlichen Kreuzzug, wobei er auch ganz wie die Ritter aus dem Mittelalter seinen weltlichen Gütern – sprich, in seinem Fall dem Gemeinderatsamt – entsagt hat, um sich ganz auf seine Mission zu konzentrieren.

Der überstürzte Rücktritt hinterlässt einen fahlen Beigeschmack, vor allem weil Michael Witschi in seiner Stellungnahme einen Grundpfeiler der Exekutive kritisiert. Denn, dass der Gemeinderat Entscheide gemeinsam trägt und nicht jeder einfach seine eigene Meinung vertritt, hat durchaus seine Gründe. Im Gegensatz zum Stadtparlament, wo die Stadträte und Stadträtinnen ihre Meinung sagen dürfen – und dabei auch eine andere Haltung als ihre Fraktion vertreten dürfen - tritt der Gemeinderat gegen aussen stets als Gremium auf. Wenn jetzt zum Beispiel der Gemeinderat bei einer Sitzung beschliesst, einen glitzernden Einhornpark in Langenthal zu bauen und Gemeinderat Gfeller dagegen ist, darf er in der Stadtratssitzung nicht zum Mikrofon sprinten und erklären, er sei dann dagegen gewesen, sondern muss die Haltung des Gemeinderats vertreten. Mitgehangen, mitgefangen, wie man so schön sagt.

Dass das zuweilen schwer ist, ist unbestritten. Es bedeutet nicht nur, dass man hin und wieder für etwas kämpfen muss, was man selbst nicht so dolle findet, sondern auch dass eigenen Ansichten zurückstehen müssen, etwas, was Politikern nicht zwingend liegt, denn schliesslich ist jeder von ihnen doch irgendwie der Meinung, dass seine Ideen die besten sind. Nur, hat dieses Kollegialprinzip eben auch grosse Vorteile. Es  verhindert, dass sich die einzelnen Mitglieder gegenseitig zerfleischen und die Schuld zuschieben, es sorgt dafür, dass überparteilich Lösungen gesucht werden und es stabilisiert letztendlich auch die Regierung. Ich meine, stellt euch mal das Chaos vor, wenn plötzlich all unsere Gemeinderäte – und Gemeinderätinnen machen was sie wollen, ohne Rücksicht aufeinander zu nehmen – und stellt euch vor wie unendlich lange die Stadtratssitzungen dauern würden, wenn auch noch jeder Gemeinderat zu jedem Geschäft seinen Senf dazu gäbe…

Wenn Michael Witschi in seinem Interview durchschimmern lässt, der Gemeinderat sei nicht frei in seinen Entscheidungen, vernachlässigt er die Tatsache, dass Gemeinderatssitzungen nicht öffentlich sind. Wer dort wie abstimmt, bleibt unter den Beteiligten und dringt – im Normallfall – nicht nach draussen. Das gibt den einzelnen Gemeinderäten – und Gemeinderätinnen auch die Möglichkeit, unpopuläre Entscheidungen zu fällen. Denn es kann auch Druck bedeuten, die Stimmkarte unter den Augen der Öffentlichkeit heben zu müssen, so wie es im Stadtrat der Fall ist.

Was die Sache mit der Beeinflussung angeht: Ja, ich bin auch der Meinung – und habe das auch schon geschrieben – dass der SCL es versteht, seine Strippen zu ziehen. Auch das gehört jedoch zur Politik. Hier prallen verschiedene Interessengruppen aufeinander und jede versucht, sich durchzusetzen. n. Beim SCL sind sicherlich immer Emotionen im Spiel und die werden zweifellos ihre Spuren in der Entscheidungsfindung hinterlassen haben. Auch die gehören dazu. Oder wollen wir Roboter, die alles nur kühl und sachlich beschliessen? Dann wird es ziemlich schnell, ziemlich ungemütlich auf der Welt (wobei ich persönlich mir ja wünschte, dass sich diese Gefühlswallungen nicht nur beim sportlichen Bereich zeigen würde).

Kommen wir zum letzten Punkt, der von Michael Witschi aufgeworfen wurde. Er empfindet die Politik des bürgerlichen Gemeinderates als zu wenig bürgerlich. Hier stellt sich meiner Meinung nach die Frage, ob es schlau von den Bürgerlichen wäre, ihre Mehrheit knallhart auszunutzen. Das könnte dazu führen, dass der Gemeinderat zum Feindbild der Linken mutiert, wie wir es zurzeit auf kantonaler Ebene beobachten können. Zudem ist es ja nicht so, dass es eine wahnsinnig grosse Mehrheit wäre. Das Verhältnis ist 3:4, also relativ ausgeglichen. Abgesehen davon ist es meiner Meinung nach ein Zeichen von gesunden politischen Verhältnissen, wenn die Exekutivmitglieder hin und wieder in der Lage sind, ihre Parteibüchlein zur Seite zu legen und zum Wohle der Stadt zu entscheiden statt zum Wohle des eigenen Klientel oder der eigenen Basis.

Das Beispiel von Michael Witschi zeigt eines. Auch wenn jemand grosses politisches Talent hat, bedeutet das nicht zwingend, dass er sich in der Exekutive zurechtfindet. Wer kein Teamplayer ist und Mühe hat, sich einer anderen Meinung unterzuordnen, sollte das mit dem Gemeinderat lieber sein lassen. Es bleibt zu hoffen, dass Witschis Nachfolger weniger mit dem Kollegialitätsprinzip hat. Nachrücken wird jetzt Michael Schär, FDP – Stadtrat, der damit das Kunststück fertig bringt, nach nur drei Jahren im Stadtrat in den Gemeinderat aufzusteigen. Wenn er in dem Tempo weitermacht, haben wir bis in fünf Jahren wieder einen Bundesrat aus Langenthal.

Wer ist Patrick Freudiger?

  Bild: Leroy Ryser Dass die Bürgerlichen sich ihn als Stadtpräsidiumskandidaten wünschen, war ein offenes Geheimnis. Als langjähriger Stadt...