Montag, 26. Oktober 2020

Das andere Stadtratsprotokoll XVII

 

Kennt ihr noch von eurer Schulzeit das Gefühl, wenn ihr eure Hausaufgaben nicht erledigt oder euch ungenügend auf einen Test vorbereitet habt? Ungefähr so ging es mir, als ich an diesem trüben und verregneten Oktobertag in die Stadtratssitzung stolperte. Die letzten Male hatte ich vor der Sitzung die Unterlagen auf der Webseite konsultiert (hier stelle ich mir jetzt einfach ein bewunderndes Seufzen von euch vor) und bin mir dabei mindestens so fleissig vorgekommen wie Hermine Granger.

Dieses Mal habe ich es nicht geschafft. Schuld war mein schlechtes Zeitmanagement (ja, ich bin jemand, der Aufgaben gerne aufschiebt und zwar mit Vorliebe so lange, bis sie bei mir Schlange stehen und mich in den Hintern beissen).

Deshalb kam ich sonntagabends auf die Idee mir bei einem Glas Wein die Unterlagen durchzusehen, weil das schliesslich alle überarbeiteten Menschen und insbesondere Künstler*innen tun und dabei eine erstaunliche Produktivität entwickeln. Nur hat sich leider herausgestellt, dass Wein auf mich ganz und gar keine leistungssteigernde Wirkung hat, sondern mich lediglich einschläfert. Das heisst auch, dass ich meine schönen Zukunftspläne sausen lassen kann. Ich habe mir nämlich immer vorgestellt, dass ich einmal als angesehene Autorin in einem Elfenbeinturm sitzen, literweise Wein in mich reinschütten und ein Meisterwerk nach dem anderen schreiben werde (hey, bei E.T. Hoffmann hat das schliesslich auch funktioniert!).

Ganz anders präsentierten sich auch die Stadträte – und Stadträtinnen*. Entsprechend den neuen Corona – Regelungen mussten alle Teilnehmenden der Stadtratssitzung eine Maske tragen. Inzwischen bin ich mir so gewöhnt, Menschen maskiert zu sehen, dass ich  fast erschrecke, wenn ich mal ein „freilaufendes“ Gesicht sehe. Trotzdem war es lustig, die verschiedenen Masken zu betrachten. Gemeinderat Markus Gfeller (FDP) sah ein bisschen aus, als hätte er sich eine geblümte Unterhose umgewickelt. Bei Corinna Grossenbacher (SVP) und Gemeinderätin Helena Morgenthaler (SVP), dachte ich erst, sie trügen eine äusserst unvorteilhafte Zahnspange, aber es waren dann doch Gesichtsvisiere.  Das Modell von Gemeinderat Matthias Wüthrich (Grüne) dagegen, liess seine Stimme wie die von Darth Vader klingen, was irgendwie gruselig war.

Aber der Langenthaler Stadtrat liess sich natürlich auch von Masken nicht vom Debattieren abhalten (tatsächlich glaube ich, dass der Stadtrat sogar noch während dem Weltuntergang fröhlich weiter Sitzungen durchführen würde. Und wahrscheinlich würde er sich dann noch darüber echauffieren, dass der Gemeinderat die Apokalypse nicht ordentlich budgetiert hat). Wohl weil gerade die Voten der Einzelsprechenden in den letzten Sitzungen zum Teil epische Ausmasse (oder wie ich es insgeheim nenne dietrichische Ausmasse) angenommen haben, zauberte der neue Stadtratspräsident Paul Bayard (SP) eine Sanduhr hervor, mit dem er die Redezeit bemessen konnte. Auch wenn er nur ungern jemanden unterbrechen würde, wie er schelmisch hinzufügte. Explodieren tut die Sanduhr aber wohl leider ncht.

Launig begrüsste Bayard zu Beginn der Sitzung Neo – Stadtrat André Chavanne (SP), der für die in den Gemeinderat aufgestiegene (oder abgestiegene. Ist ja eine Frage der Perspektive…) Martina Moser (SP) nachgerutscht ist. Ahoi, André, sag ich da nur.

Das Besondere an den ersten Traktanden war, dass sie eigentlich alle zusammenhingen. Sie drehten sich nämlich allesamt um eine Reorganisation der Schulen und der Kindergärten. Im Kreuzfeld soll ja das neue Oberstufenzentrum entstehen und dafür muss man noch einige umbauen und sanieren. Ziel ist es auch, dass durchlässige Schulmodell umsetzen zu können, indem jeder Lehrer bzw. jede Lehrerin* einen festen Raum hat und die Schüler*innen wechseln. Und: Es soll eine Zentralisierung der Schulangebote, aber insbesondere der Kindergärten geben. Die Tagesschulen sollen ebenfalls mit in dieses Zentrum eingebunden werden. Da die Gebäude schon etwas in die Jahre gekommen sind (*hüstel*) und sich die Bedürfnisse durch die neue Schulstrategie verändern werden, braucht es für die Umsetzung dieser Pläne Zwischensanierungen und zum Teil auch Neubauten.

Gratis ist das alles natürlich nicht und deshalb beantrage der Gemeinderat dem Stadtrat mehrere Teilkredite. Vertreten wurde das Geschäft (oder die Geschäfte) von Stapi Reto Müller (SP) höchstpersönlich, der die Vorteile einer Zentralisierung hervorstrich. So nannte er als Vorteil, die Tatsache, dass die Kinder nun quasi ihre ganze Schullaufbahn im selben Umfeld absolvieren können. Aber auch für die Chancengleichheit könne so besser gewährleistet werden.

Dass die Kindergärten quer durch die ganze Stadt verstreut sind, bringe dagegen einige Nachteile mit sich. So sind Lehrpersonen im Kindergarten nicht selten alleine mit rund 20 Kindern. In einem grossangelegten Schulzentrumsbetrieb könnten Ausfälle dagegen  besser abgefedert werden. Zudem würden die Kindergartengebäude in Langenthal nicht mehr unbedingt den Standards entsprechen, führte Reto Müller aus und untermalte das Ganze mit ein paar Bildchen direkt aus dem Kindergartenhorrorkabinett.

Der Kindergarten Winkel zum Beispiel ist zu klein, hat keine Wärmedämmung und der Unterricht Deutsch als Zweitsprache findet in der Garderobe statt (wenigstens nicht auf dem Klo…) Abreissen kann man das Teil allerdings nicht. Es wurde als „schützenswert“ eingestuft. Und wisst ihr wieso? Weil meine erlauchte Wenigkeit dort in den Kindergarten gegangen ist! Ja, genau meine edlen Füsse haben diesen unwürdigen Boden berührt und deshalb kann das Gebäude leider nicht abgerissen werden. Weil es durch mich historischen Wert hat…

Ja, gut, ich gebe es zu, es  ist nicht wegen mir geschützt, sondern weil es einer der ersten Flachdachgebäude von Hector Egger war.

Dass es die Sanierungen und die Umstrukturierungen braucht, darin waren sich die Stadträte – und Stadträtinnen* einig, auch wenn einzelne sich drüber beklagten, dass der Stadtrat zur Gesamtstrategie bzw. zu der Frage ob überhaupt zentralisiert werden soll, nie etwas zu sagen hatten. Patrick Freudiger (SVP) sah es zudem generell kritisch, dass Vierjährige schon zum Kindergarten „verdonnert“ werden, während Pascal Dietrich fand, man würde mit der Zentralisierung einen wichtigen Vorteil verlieren.

Dietrich bezog sich damit auf einen grossen Nachteil der Zentralisierungsstrategie: Die daraus resultierenden längeren Schulwege. Der FDP – Stadtrat sieht schon Chaos auf den Strassen, weil noch mehr besorgte Eltern ihren kostbaren Nachwuchs quer durch die Stadt kutschieren werden. Für das Kindeswohl sei wohl eine dezentrale Strategie besser geeignet, meinte Pascal Dietrich.

Den Gegenpol bildete hier Gerhard Käser (SP). Der Schulleiter vom Kreuzfeld strich bereits in seinem ersten Votum die pädagogischen Vorteile der geplanten Massnahmen hervor, zumal diese schlussendlich die konsequente Umsetzung des Lehrplans 21 bedeuten. Auch dass die Tagesschule neu im  Kreis der Schulen ihren Platz finden soll, findet bei Käser Anklang. Seine linken Kollegen – und Kolleginnen zeigten sich ebenfalls zufrieden mit den Vorlagen des Gemeinderats.

Abgesehen von ein paar wenigen kritischen Einzelstimmen, waren auch die Bürgerlichen grösstenteils einig mit dem Gemeinderat (wow, das ich das mal schreiben kann bei einer Schulvorlage!) Mit einer Ausnahme: Dass für die Vergabe des Auftrags eine Gesamtleistungswettbewerb vorgesehen war, stiess sowohl der SVP, als auch der FDP sauer auf. Da würde zu viel Geld in die Projektierung investiert, so die Kritik, man wolle schliesslich kein Deluxe – Wettbewerbsverfahren. Wo kämen wir denn dahin? Am Ende haben wir noch vergoldete Wasserhähne und einen Perserteppich in jedem Schulzimmer!

Robert Kummer (FDP) stellte deshalb den Antrag, alle Aufträge mittels eines Projektwettbewerbs zu vergeben. Damit konnte sich fast der gesamte Stadtrat anfreunden und so kam es zu einem  kleinen Happy End: Der ungeliebte Gesamtleistungswettbewerb wurde rausgestrichen, die Projektkredite jedoch wurden fast einstimmig angenommen. Und alle waren glücklich: Der Gemeinderat, der Stadtrat und die vielen Lehrpersonen, die im Zuschauerraum sassen und mit zufriedener Miene die faulen Tomaten wieder einpackten, die sie zur Sicherheit eingesteckt hatten (jaja, schon gut, das habe ich wieder erfunden. Was wollt ihr? Es ist ein Uhr morgens, natürlich fantasier ich da rum!).

(Bei der Auszählung der Stimmen kam es dann doch noch kurz zu Misstönen: Das Stadtratsbüro zählte zwei Nein – Stimmen und wollten das auch entsprechend verbuchen. Pascal Dietrich beschwerte sich, dass eine Stimme falsch gezählt worden sei. Daraufhin wurde ein Ordnungsantrag gestellt, über den abgestimmt wurde, damit man noch mal abstimmen konnte, weil man ja vorher falsch abgestimmt hatte. Recht hatte Dietrich allerdings: Es waren drei Nein – Stimmen und zwar schon beim ersten Anlauf.)

Das nächste Traktandum drehte sich um SIP. Bei SIP handelt es sich nicht etwa um eine seichte Popband und auch nicht um ein kompliziertes Computerprogramm. SIP sind grob gesagt Menschen, die in der Stadt für ein friedliches Miteinander sorgen und dabei auf Dialog und Sozialarbeit setzen. In Langenthal ist das Programm, unter Führung der Jugendfachstelle TokJo,  ein grosser Erfolg.  Der Kredit dafür muss alle vier Jahre erneuert werden. So weit so gut. Nun wurde der Auftrag allerdings öffentlich ausgeschrieben und das Rennen wurde (Surprise, Surprise) nicht von TokJo gemacht, sondern von einem anderen Anbieter, der zudem nicht in Langenthal sesshaft ist.

Entsprechend hatte Markus Gfeller (FDP) als Ressortvorsteher „Öffentliche Sicherheit“ einen schweren Stand. Viele Stadträte – und Stadträtinnen* taten sich schwer damit einen verdienten Dienstleister einfach auszuwechseln. Die GPK selbst stellte dieses Mal aus materiellen, nicht aus formellen Gründen, einen Ablehnungsantrag. „Die GPK legt Wert auf einen lokalen Anbieter, der über Ortskennnisse verfügt!“, erklärte Patrick Freudiger (SVP)

Die parteilose Josephine Lüdi unterstrich besonders die grosse Vernetzung von TokJo als Pluspunkt. Eben weil sie die Leute kennen würden, könnten sie auch anders mit ihnen reden und sie erreichen. Zudem würden sie eben nicht in erster Linie ordnungspolitische Massnahmen ergreifen, sondern seien eher als Sozialarbeiter*innen tätig. Genau diese Fähigkeiten gingen dem neuen Anbieter ab. „Wir brauchen keine Leute, die mit Schlagstöcken auf dem Schulareal patrouillieren!“, so Lüdi. Und Saima Sägesser ergänzte, dass die Stadt Solothurn mit einer auswärtigen Sicherheitsfirma negative Erfahrung gemacht hätte.

Franziska Zaugg – Streuli (FDP) fand es zwar ebenfalls schade, dass nicht TokJo das Rennen gemacht hat, warnte aber davor, deshalb gleich das ganze Programm zu gefährden. Wichtig sei ja, dass es weitergeführt werde. Ins gleiche Horn stiess Corinna Grossenbacher, die es als nicht zielführend empfand, das Angebot verloren zu geben, nur „weil TokJo den Auftrag jetzt mal nicht bekommen hat.“ Es müsse auch nicht immer zwingend ein lokaler Anbieter sein, so Grossenbacher.

(Verrückte Welt. Linke pochen auf die Berücksichtigung von heimischen Menschen, während die SVP lieber ausserhalb der Grenzen rekrutieren will. Langenthal, du bist und bleibst eine Kuriosität).

Die Mitte schloss sich in diesem Fall dem linken Lager an. Mike Siegrist (EVP) empfand den neue nAnbieter ebenfalls als wenig geeignet für sozialpolitische Aufgaben. Da half es auch nicht mehr, dass Markus Gfeller auf die guten Referenzen verwies: Die Linke, die Mitte und ein Teil der Bürgerlichen schickten den Kredit bachab und bestätigten damit den alten Spruch: Never change a winning Team (mir erschliesst sich ebenfalls nicht ganz, wieso jemand der gute Arbeit abgeliefert hat und, wie Gerhard Käser schilderte, zum Beispiel die Situation im Kreuzfeld entschärft hat, einfach übergangen wird. Das finde ich ziemlich gemein, ehrlich gesagt.)

Es fragt sich natürlich, wie es nun weitergeht ohne SIP. Fallen nun die Vandalen in Langenthal ein? Kommen die Wikinger? Oder noch schlimmer die Liechtensteiner.

Quasi als Trost bekam Markus Gfeller vom Parlament dann zumindest noch eine Shoppingerlaubnis: Die Feuerdarf darf sich frisch einkleiden, der Kredit für die Anschaffung neuer Schutzkleidung wurde widerspruchslos durchgewinkt. Endlich keine Jutesäcke mehr, sondern sexy Uniformen (hm…vielleicht sollte ich auch  bei der Feuerwehr anfangen… Männer in Uniformen haben schon was).

Die nächsten beiden Traktanden haben in der Vergangenheit für einige Furore gesorgt: Das durchlässige Schulmodell, dass von den Bürgerlichen im letzten Moment noch in eine etwas weniger durchlässigere Variante umgewandelt wurde und die Motion zur Entlastung der Lehrpersonen, die quasi eine sehr sanfte Einführung einer Art Schulsozialarbeit ist. Wobei hier die Meinungen auseinandergehen. Für die einen ist es der gelungenste Kompromiss seit der Einführung der Schweizer Demokratie und für die anderen eher der kümmerliche Rest des jahrelangen Versuchs, Schulsozialarbeit in Langenthal einzuführen.

Allerdings war das Parlament bei beiden Geschäften grundsätzlich einfach froh, dass es gelungen ist, vorwärts zu kommen. „Endlich schafft es auch Langenthal ein durchlässiges Schulmodell einzuführen“, jubelte etwa Sandro Baumgartner (SP) und auch Motionärin Franziska Zaugg – Streuli (FDP) zeigte sich erfreut über die schnelle Umsetzung des Anliegens. Der Stadtrat hiess das durchlässige Schulmodell fast einstimmig durch. Auch die „Entlastung der Lehrpersonen“ die durch SCHOKITO umgesetzt wird, fand eine grosse Mehrheit. Obwohl die Motion genau genommen nicht so umgesetzt wurde, wie verlangt, denn ursprünglich hatte man das Angebot budgetneutral gestalten wollen. Das lag aber, laut Gemeinderat Matthias Wüthrich, einfach nicht drin, denn eine Mehrleistung sei nun mal nicht gratis.

(Ich weiss sowieso nicht, wie man sich das vorgestellt hat. Ich meine, man kann doch nicht ernsthaft eine qualitative hochwertige Mehrleistung erwarten und dann glauben, es würde nichts kosten. Come on Leute, wir leben im Kapitalismus!)

Während die FDP sich kräftig selbst für ihren Erfolg beweihräucherte, machte die SVP deutlich, dass aus ihrer Sicht nun genug gemacht ist in Sachen Schulsozialarbeit. Konträr dazu äusserte sich die SP. Co – Präsidentin Saima Sägesser kündigte schon einmal an, dass sie auf jeden Fall „dranbleiben würden“. Und auch von der Mitte kamen Signale, dass es da durchaus noch Luft nach oben gebe, in Sachen Schulsozialarbeit. Vorerst gab man sich allerdings mit der vorliegenden Motion zur Entlastung der Lehrpersonen zufrieden.

(Stresst euch bloss nicht. Ich meine, gut, inzwischen hat fast jedes Bauernkaff eine breit abgestützte Schulsozialarbeit, aber hey, auf der Venus und auf dem Mars gibt es schliesslich auch noch keine, also warum sollen wir uns beeilen?)

Der Rest der Sitzung war eigentlich die Aufarbeitung von Altlasten. Da ging es um die Sanierung des Kugelfangs, bei dem wieder eine Fristverlängerung beantragt wurde (dieses Mal, weil man eine Neuregelung abwarten will, die uns mehr Geld bescheren könnte) und um eine Motion aus dem Jahre 2009 (!): Stopp den Lichtsmog, die ebenfalls verlängert werden musste (bis das mal umgesetzt wird,  hat der Lichtsmog uns wahrscheinlich schon alle umgebracht) und dann sogar noch um eine Motion aus dem Jahre 2008 („Prüfung der Einführung des integrierten Aufgaben – und Finanzplans“), die immerhin endlich abgeschrieben wurde. Alle drei Motionäre sind übrigens nicht mehr im Parlament. Aber schön haben wir darüber geredet.

Und dann war es schon wieder vorbei. Nach der parlamentarischen Fragerunde -  übrigens  liebe Gemeinderäte (Gemeinderätinnen haben dieses Mal nicht gesprochen): Ihr müsst den Stadträten – und Stadträtinnen* ja gar nichts vorhalten von wegen Redezeit. Das ist ja eher eine parlamentarische Vortragsrunde – hiess es schon wieder Au Revoir.

Bis zum nächsten Mal, lieber Stadtrat!

Best of:

„Da braucht es inzwischen ja fast schon eine 100 Prozent Stelle nur zum Hin – und Her gehen!“ Auch das will gelernt sein, Gerhard Käser (SP)! Frag mal Models…

„Was die schwarzen Pünktchen da sind, sage ich euch nicht, sonst steht es morgen in der Zeitung.“ Stapi Reto Müller (SP) überlässt es der Fantasie der Zuhörenden, was genau an der Decke des Kindergarten so ein besonderes Muster hinterlässt.

„Da fragt man sich schon, ob wir eine Stadt mit einem Geldsegen a gogo sind, oder eine Stadt mit einem strukturellen Defizit!“ Der sparsame Patrick Freudiger (SVP) bezweifelt die Existenz eines Goldesels.

„Wieso investiert man dann 2 Millionen in Tablets, statt in Menschen aus Fleisch und Blut?“ Weil Tablets im Gegensatz zu Menschen höchst selten widersprechen, Pascal Dietrich!

„Es wird euch vielleicht erstaunen, aber ich bin einig mit den Voten von Robert Kummer und Diego Clavadetscher.“ Es geschehen noch Zeichen und Wunder: Reto Müller und die strengen FDP – Stadträte nähren sich an.

„Eigentlich wäre ja noch der Gemeinderat dran, aber der hat ja schon vorher gesagt, dass er nichts machen wird.“ Hoffen wir, dass Stadtratspräsident Paul Bayard (SP) hier nicht die Exekutivziele der nächsten Legislatur ausgeplaudert hat.

„Wir brauchen keine Schlagstöcke und keinen Pfefferspray, sondern eine SIP wie wir es kennen!“ Saima Sägesser (SP) verzichtet lieber auf brachiale Gewalt.

„Ich habe drei Juristen in unserer Stadtverwaltung gefragt und dreimal die gleiche Antwort erhalten. Aber ich bin sicher, wenn ich noch jemand Viertes gefragt hätte, hätte ich wahrscheinlich eine andere bekommen.“  Gemeinderat Markus Gfeller (FDP) fragt sich einmal quer durch den Juristenkatalog.

„Ich weiss auch nicht wieso, aber die GPK hat mir hier einen sehr engen Rahmen gesteckt, was ich sagen darf!“ Der gezähmte Diego Clavadetscher (FDP).

„Die Schulsozialarbeit ist seit jeher ein Gliir.“ Saima Sägesser (SP) in einer weiteren  Folge „Täglich grüsst die Schulsozialarbeit.“

„Besser den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach.“ Renate Niklaus (GLP) übt sich in Sprichwörtern.

 

„Also, ich finde schon, dass wir eine Taube haben!“ Diego Clavadetscher (FDP) geht unter die Ornithologen.

 

„Wieso weiss ich nie, dass der Schenk heisst?“ Stadtratspräsident Paul Bayard (SP) unterschlägt ständig Jürg Schenks (EVP) Nachnamen.

Mittwoch, 21. Oktober 2020

Telefonieren mit Lama: Cornelia Gerber - Schärer (SP)

 


 

 

Die Stadtratskandidatin Cornelia Gerber – Schärer hat eine abgeschlossene Ausbildung als Pflegefachfrau HF, Master Coach DVNLP ist aber inzwischen Inhaberin der Praxis Life Concept, mit der sie sich um die Seelenpflege der Menschen widmet. Als Mutter von zwei Kindern weiss sie, was es heisst verschiedene Rollen unter einem Hut zu bringen und wie wichtig es ist, für die Zukunft zu schauen. Im Interview verrät sie, wo Langenthal Nachholbedarf hat und warum Langenthal eine starke SP braucht. 

Bist du eher jemand, der aus dem Bauch entscheidet oder ein Kopfmensch?

Sowohl als auch. Mein Kopf und meine Intuition führen öfters Diskussionen.  Oft gewinnt die Intuition, aber ich orientiere mich durchaus auch gerne an Fakten. Ich glaube, es braucht einfach die richtige Balance zwischen Kopf und Bauch. Im Idealfall ist es eine Mischung aus beidem.

Braucht die Langenthaler Politik mehr Bauchgefühl?

Ich denke, sie braucht vor allem mehr Alltagstauglichkeit und Praxisbezug.

Was würdest du als deine grösste Stärke bezeichnen?

Empathie,  aber auch die Fähigkeit, von ihr nicht komplett mitgerissen zu werden. Pragmatismus. Es gibt Dinge, da muss frau nicht darüber diskutieren. Als ich in der Notaufnahme der Psychiatrie gearbeitet habe, habe ich gelernt auch in Krisensituationen prägnant zu bleiben und Prioritäten zu setzen. Ausserdem bin ich ein sehr optimistischer Mensch, ich glaube an das Gute und dass wir auch in schwierigen Situationen Lösungen finden können.

Bist du lieber in Natur oder in der Stadt?

Ich liebe die Natur. Wobei ich die Natur nicht als Objekt sehe. Ich verstehe mich vielmehr als  Teil von der Natur und suche auch bewusst die Verbundenheit mit ihr, indem ich mit meinen Kindern und meinen Hunden täglich nach draussen gehe, sei es in den Wald oder auf die Wässermatten. Wir haben so viele schöne Plätze in der Region, es ist so eine vielfältige Gegend hier. Aber ich mag auch Städte. Gerade von Berlin bin ich ein Riesenfan.

Was ist dein Lieblingsort in Langenthal?

Ui, das ist für mich schwer zu sagen. Das ist stark  von meiner Stimmung und den Jahreszeiten abhängig. Aber ein besonderer Ort ist für mich der Sängeli – Weiher. Mein Urgrossvater schöpfte dort Lehm für  die Ziegelei in St.Urban. Deshalb ist das Sängeli für mich nicht nur einfach ein wunderschönes Naturschutzgebiet. Ich spüre dort auch die  Verbundenheit mit meinen Ahnen. Der belebte Wuhrplatz übt auf mich auch eine Faszination aus.

Gab es Momente in deinen Leben, in denen du nicht mehr weiterwusstest?

Ja. Als ich 24 war, wurde bei mir Multiple Sklerose diagnostiziert. Als Folge davon, bekam ich am eigenen Leib zu spüren, wie  langsam die Mühlen von unseren Sozialversicherungen mahlen. Prozesse werden verzögert, Kosten generiert. Dadurch kam für mich der soziale Abstieg. Ich hatte existenzielle Ängste und litt unter Depressionen. Es war nicht einmal die Krankheit, die ich als stigmatisierend empfand, sondern die Tatsache, dass ich IV beziehen musste, die Gespräche und die teils despektierlichen Gespräche bei der IV, der Gang zum Sozialamt und der Prozess gegen die IV. Bis dahin kannte ich nur die Sicht der Pflegefachfrau, jetzt war ich auf einmal selbst die Betroffene.  Es war auch  nicht einfach, sich in einer Zeit, in der man normalerweise damit beschäftigt ist, sich zu finden, auszuprobieren und auszurichten, überlegen zu müssen, in welchem Pflegeheim man später vielleicht mal leben will. 

Wie ist es dir gelungen wieder aufzustehen?

Ganz klar durch meine Familie. Vor allem meine Eltern haben eine grosse Rolle gespielt. Aber auch mein Freundeskreis hat mir sehr geholfen. Meine interreligiöse Weltanschauung und Praktiken. Zudem habe ich immer Sport getrieben. So konnte ich weiterkämpfen. Und irgendwann habe ich gelernt, die Krankheit nicht als Feind zu betrachten, sondern als ein Barometer, das mir zeigt,  wann ich mich zügeln und es ruhiger angehen muss. In mir ist der tiefe Glaube verwurzelt, dass mir nichts auferlegt wird, was ich nicht meistern kann. Und ich habe es tatsächlich geschafft, aus eigener Kraft wieder aus der IV zu kommen und wieder ins Berufsleben einzusteigen.

Was war der schönste Moment in deinen Leben?

Ich erlebte täglich wunderschöne Momente. Es gibt nicht den Moment, das Leben ist vielmehr eine Abfolge von wunderbaren Momenten. Und ich bin sehr dankbar für dieses Leben.

Was ist für dich die grösste Herausforderung als Mutter?

Das erforderliche Multitasking und das Switchen der verschiedenen Rollen. Man muss viele  Aufgaben koordinieren, kleine Aufgaben, die aber trotzdem organisiert werden müssen. Die  grosse Herausforderung ist aber, zu wissen oder zu spüren, wann das Kind getragen, gefördert oder begleitet werden soll und wann es richtig ist, loszulassen. Man muss auch aufpassen, nicht plötzlich sich selbst in ein Kind rein zu projizieren, denn es ist ein eigenständiges Individuum. Und trotzdem ist es wichtig, den Kindern Werte und Leitblanken zu vermitteln.  Muttersein ist  einfach eine ständige Gratwanderung.

Welche Entscheidungen des Langenthaler Parlaments konntest du gar nicht nachvollziehen?

Dass die Schulsozialarbeit, nicht eingeführt wurde. Da verkennt man einfach immer noch den  gesellschaftlichen Bedarf. Diese hat sich verändert und es haben nun mal nicht alle Kinder und Eltern die Ressourcen, mit den heutigen Herausforderungen umzugehen. Chancengleichheit ist für mich in diesem Kontext auch ein grosses Thema. Es geht ja nicht darum, ob man diesen Bedarf jetzt gut oder schlecht findet, er ist nun einmal da. Durch das Fehlen der Schulsozialarbeit werden den  Pädagogen Aufgaben auferlegt, die nicht ihren Kompetenzen entsprechen, weil es nicht ihr Fachgebiet ist. Darunter leiden dann ihre eigentliches Tagesgeschäft. Deshalb bin ich umso dankbarer, dass wir sehr engagierte und verantwortungsvolle Lehrer*innen haben, die das Beste aus dieser Situation machen. Dem  Kindeswohl werden wir so aber nicht gerecht. Ich habe eine Zeitlang in der  Sozialpsychiatrie gearbeitet, ich weiss was es braucht. Leider hinken die Schulen in Langenthal den Standards hinterher und das nicht nur auf kantonaler Ebene. Dadurch werden wir auch als Wohnort für Familien unattraktiv. Auch wirtschaftlich lässt sich die SSA schon längst begründen. Die Folgekosten beim «so tun als ob es uns nichts angeht» sind immens. Da gibt es genügend Studien dazu. Problematisch ist, dass da viele Laien mitreden, die eine rein wirtschaftliche Ausrichtung haben. Aber die Spielregeln dürfen in der Bildung und im Gesundheitswesen nicht denen in der Wirtschaft entsprechen. Das ist ein grosser Fehler!

Was war dein Traumberuf als Kind?

Tierarztgehilfin. Ich war  auch ein paar Mal bei Christoph Salm in der Praxis schnuppern, musste aber immer mit den Leuten mitweinen, wenn ihre Tiere eingeschläfert werden mussten. Deshalb lernte ich Pflegefachfrau.

Was sind jetzt deine Träume?

Ich glaube, ich bin tatsächlich wunschlos glücklich und dankbar, für das was ich habe. Aber wenn ich mir was für meine Kinder wünschen dürfte, dann, dass sie all die Herausforderungen, die das Leben für sie bereithält mithilfe ihrer Ressourcen und Mut bestehen können.

Anzug oder T – Shirt?

T – Shirt!

Wie wichtig ist für dich Social Media?

Ein Mittel zum Zweck. Als Mutter von kleinen Kindern lebst du oft an der Gesellschaft vorbei. Du bist dann wach, wenn alle schlafen und schläfst, wenn alle anderen wach sind. Oft bist du auch isoliert. Da hilft dir Social Media enorm, dich zu vernetzen. Social Media bietet viele Chancen, birgt aber auch Risiken. Und für mich kann es niemals den persönlichen Kontakt mit Menschen ersetzen. Die Dosis macht‘s aus.

Was sind Charaktereigenschaften an Politiker*innen, die dich stören? 

Mich stört es, wenn Leute die Politik mit Wirtschaft gleichstellen und sie nur ihre eigenen Interessen oder die Interessen einer Lobby vertreten. Wenn sie Ziel und Zweck ihres Amtes vergessen und damit auch, wer ihnen den Auftrag ursprünglich gegeben hat. Nämlich das Volk.

Warum bist du Sozialdemokratin?

Weil sich meine persönlichen Interessen und mein beruflicher Hintergrund am ehesten mit den Themen der SP decken und ich der Ansicht bin, dass diese für ein wirklich tragendes System als relevant erachtet werden sollten. Das sehen wir jetzt während der Corona Pandemie.

Was würde sich – aus deiner Sicht – in Langenthal ändern, wenn die SP die Mehrheit im Parlament erringen würde?

Ich denke, dass vermehrt Alltagsthemen, Dinge, die die Menschen wirklich beschäftigen aufs Tapet gebracht werden würden. Man würde weniger Paragrafen reiten und statt ständig zweite Lesungen zu veranstalten  würde man lösungsorientierter handeln. Ich denke, es würde zu mehr Lebensqualität in Langenthal führen.

Was macht Langenthal besonders?

Langenthal hat einen besonderen Groove. Es hat den Charme eines Dorfs, bietet aber die Annehmlichkeiten einer Kleinstadt. Das spürt man am  Hoffest oder an der Fasnacht – vorausgesetzt sie findet statt. Trotzdem sage ich, Langenthal muss aufpassen, nicht an Attraktivität zu verlieren. Besonders in Bezug auf Familien und Lebendigkeit. 

Bei welcher Musik rennst du schreiend aus dem Saal?

Das kommt tatsächlich eher auf meinen Zustand an, als auf meinen Geschmack. Seit ich Kinder habe, mag ich es generell lieber still. (lacht)

Was ist deine Lieblingsserie?

Das darf ich fast nicht sagen… First Dates. Ich mag es zuzusehen, wenn es zwischen Menschen funkt. Oder eben nicht. Zwischenmenschliche Beziehungen finde ich spannend.

Hast du ein Vorbild?

Direkt nicht. Ich bewundere Menschen im Alltag, wenn ich sehe, dass sie eine bestimmte Situation lösen. Ja doch, meine Grossmütter. Ich bewundere generell die Frauen, die über Jahrhunderte unterdrückt, diskriminiert und ermordet wurden und doch nicht aufgegeben haben..

Was wären deine Herzensthemen als Stadträtin?

Bildung und Gesundheitswesen. Ein besonderes Anliegen von mir ist die Durchmischung von Generationen. Wir müssen es schaffen, Kinder und ältere Menschen zu verbinden und die Ressourcen zu nutzen. Wir könnten Altersheime mit Kindergärten vernetzen, so wie es ansatzweise versucht wurde mit dem Altersheim Haslibrunnen und dem Schulhaus Elzmatte. Noch besser wären integrierte Kindergarten in Altersheimen. Denn, wenn ich Flüchtlingskindern begegne, die ihre Familie verloren haben und unendlich einsam sind, traumatisiert und  dann dieselbe Einsamkeit in den Augen von älteren Menschen sehe, schmerzt mich das sehr. Man muss diese Leute einfach zusammenbringen und die die möchten eine Gelegenheit schaffen.

Ist Langenthal eine Stadt für alle oder für wenige?

Ich bin ja hier aufgewachsen und für mich ist es definitiv ein Dorf für alle. Das soll es auch bleiben. 

Warum hast du dich entschieden, dich für den Stadtrat zu bewerben?

Es ist eine tolle Möglichkeit Themen aufzunehmen und umzusetzen. Wenn man etwas ändern will, ist eine Kandidatur die logische Konsequenz.

Wenn du an deine Aufgaben denkst, die als Stadträtin auf dich warten, wovor hast du am meisten Respekt?

Vor der trockenen Theorie und den vielen Paragrafen. Natürlich braucht es die auch, aber ich finde, wir benötigen eine gesunde Balance und sie  dürfen nicht überhandnehmen. Ich bin einfach keine Politwissenschaftlerin und Anwältin, ich bin eine Frau aus dem Volk, aus dem Leben.

Wärst du eine Stadträtin, die eher lange Reden halten oder es eher knapp halten würde?

Uff, das kann ich jetzt noch nicht sagen. Das würde wahrscheinlich auf das Thema ankommen.

Abschlussfrage: Wenn du gewählt werden würdest, was wäre deine erste Handlung als Stadträtin?

Ich würde alles vorantreiben, was den Verbesserungen der Infrastruktur von Kindergärten, Schulen, Tagesschulen dient. Dazu zählt für mich auch neu der Steckholz dazu. Da ist man zwar dran, aber das muss noch mehr in den Takt kommen. 

 

Wer ist Patrick Freudiger?

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